Samstag, 25. Juni 2011

Novosibirsk, Sonnabend, 25. Juni 2001: Vor der Abreise, keine Termine

Erst einmal danke ich allen,
die mich als Leserin, als Leser,
als Mitreisender auf dieser Reise begleitet haben,
Ulla und Sanne,
Andrea, Frau Gewecke, Herr Schnegg
und wer auch immer noch dabei war.

Ohne Euch/Sie hätte ich –
ich muss es leider schreiben, weil
es stimmt –
mich nicht an jedem Abend,
in jeder Nacht noch hingesetzt und die Ereignisse des Tages beschrieben,
auch für mich.

Die Reise war ein Abenteuer,
diese Notizen zu schreiben auch.
Ich danke für die sehr tollen Kommentare,
Sanne und Herrn Schnegg für die Schaffung der technischen Voraussetzungen.

Zu einer systematischen Zusammenfassung
hat es nicht gereicht. Ich hoffe ein Rückblick gelingt mir noch.  

Jetzt, vier Stunden vor Abreise aus dem Hotel
ist alles gepackt,
Weckdienst und Wecker aktiviert,
das letzte sibirische Heineken auf dem Tisch
(nach zwei Nächten mit fast sechs Stunden Schlaf ist das o.K.).

Am Montag geht der Schulalltag weiter,
als wenn nichts gewesen wäre.
Ich bin gespannt auf diesen Sprung.
Doch vorher werden wir ja noch das WM Eröffnungsspiel sehen.
Ein echt sibirischer Kontrast.

Danke für die Wünsche für eine gute Reise.

Und heute?
Der versprochene Regen blieb aus,
22 -24 Grad war gut,
die Schiffsreise auf dem Ob war gut,
wenig besucht, sehr windig,
viele Schrottschiffe gestrandet,
viel zu laute Musik,
endlich verstanden,
wie die Oligarchen zu solchen werden konnten,
Mann mit Goldgebiss war der Auslöser:
Dies russische Statussymbol.

Kein Besuch mehr von Friedhof und Bahnhof,
aber gemeinsames Mittagessen mit allen auf einer schönen Plattform
mit sozialistischem Service,
kalte Pizza, verlaufenes Eis, lange Wartezeit,
doch Gelegenheit zu einem Kaffee auf Bodenhöhe
mit einer Schulleiterin von Mitra,
Wende- und Ost-West-Rückblicke,
Ähnlichkeiten der dynamischen Persönlichkeiten von der Organisatorin und Peggy.

Bär gefunden, Unikat einer ganz Begeisterten verkaufenden Künstlerin,
die es gar nicht fassen konnte,
dass einer der Ihren nun nach Berlin zieht,
Katziges, einen Kleinschmuck.
Die Auswahl war überwältigend,
vorsichtshalber jeden zweiten Stand abfotografiert,
auch einen dösenden Wachsoldaten,
der dann doch wach war, wütend wurde,
doch ich konnte ja kein Wort verstehen,
das merkte er dann auch,
vielleicht entdeckte er auch meinen heutigen Pin am Revers:
Die beiden Flaggen von Russland und Deutschend aus einem Guss!?!!
die Sonne verbrannte mir den Nacken,
Klaus aus Lübbecke mit seinem Sohn wieder getroffen:
„Zurück ist schwerer als weg.“ Er schien es zu ahnen.

Zweite Chipkarte eingesetzt,
war doch gut, Sanne! Dann noch hemmungslos drauflos fotografiert,
auch ein italienisches Fest im Park mit Modenschau sowie
Tanzveranstaltung wie wir sie aus dem Zenner kennen.
Noch nie so viele Hochhackige Frauen gesehen wie hier,
unglaublich und viele junge Frauen sehr modisch gekleidet,
Männer sehr selten (Mit Männer und Frauen das hatten wir,
glaube ich, früher mal abgehandelt?!?).

U-Bahn gefahren,
zwei Stationen, Töne genommen.

Spaziergang mit allen auf der Suche nach einem Restaurant
zeigte erneut, aber ich habe mich dazu nicht
eingelassen noch ausgelassen,
den irrsinnigen Städtebau, der keiner ist,
letztlich keine schöne Stadt,
eigentlich gar keine Stadt,
man entdeckt keine Idee,
es gibt keine Struktur,
neben einem Wohnblock kommt en großer Industrieblock,
wenig grün,
jeder baut,
wo gerade Platz ist,
und Platz ist viel,
Straßen zum Teil viel zu breit,
Verkehr viel zu dicht,
Straßenbahnschienen gehen aus dem Leim,
die alten Tatras schafffen es gerade noch,
dann ein Hochhaus neben alten, tollen, aber verfallenen Häusern von vor Hundert Jahren,
neben verfallenen aus den siebziger Jahren,
daneben ein neues Hilton mit einem Hummer davor,
davor ein heruntergekommener Kindergarten:
„Wie viele Kitaplätze fehlen gerade in Novosibirsk“, fragt unsere Kitaleiterin.
Ich schlage nach bei Dichtung und Wahrheit.
Ja, 30.000 haben sie gesagt,
in Marzahn waren es 400 und man jammert
und ruft den Notstand aus.

Letzte Zigarette für heute,
noch ein wenig Schlafen.
Rauchen kann man hier fast überall,
außer – wie gesagt bei den Orthodoxen -
doch in der Gruppe bin ich der einzig Aktive.
Also nicht nur sehr wenig Vodka,
Frau Dr. B. meinte, ich hätte das verhindert, sei eine Spaßbremse,
doch ohne Bremse keine Notizen…
sondern auch wenig Rauchen – alles unrussisch.

Das Geld ist alle,
der Automat verweigerte die Kooperation,
sonst, wer weiß…

Gute Nacht, Leute,
es wird Zeit für mich zu gehen….

DANKE noch mal!!!

Andreas auf Tour

Freitag, 24. Juni 2011

Novosibirsk am 5. Tag, Freitag, 24. Juni: Reisen bildet, Nikolaus lächelt

Freitag, 24. Juni 2011: Out of Novosibirsk

Der heutige Tag war ein Ausflug an zwei Orte außerhalb von Novosibirsk mit den Anlaufstellen

  • KOLYWAN
Ein Dorf mit einen Verwaltungschef, der sein Dorf wohl nie verlassen hat, einem Museum, orthodoxer Kirche samt Kloster und Klostergarten nebst Tauf, Fotoverbot, Platzregen, ein neues Denkmal für den heiligen Nikolaus, ein Kinderheim mit Schule für 123 Kinder

und

  • TULINSKY,
eine Siedlung, ursprünglich für die deportierten Deutschen errichtet, mit einem neuen Bildungszentrum, einem Verwaltungschef, der im Ausland war, Werkstätten und einem Projekt vom Präsidenten unter dem Namen „Distanzbildung für Behinderte Kinder mit begrenzten Gebietsmöglichkeiten“.

Die früheste Rückkehr der ganzen Woche, um 19 Uhr am Hotel, war auch der Tatsache geschuldet, dass unser kleiner gesponserter Kleinbus einen neuen, aber ortskundigen Fahrer bekommen hatte: Alles gut. Natürlich wurden wir gut mit Essen und Trinken versorgt.

Morgen werden wir noch den Don anderthalb Stunden befahren, ich möchte noch den Bahnhof sehen, einen Friedhof und Konsum versuchen, wenigstens ein Geschenk, oder zwei. Katzen habe ich schon entdeckt, die scheinen recht populär zu sein, doch mit Eisbären sieht es mager aus. Komisch. Es wurde schon fast zum „running gag“ bei meinen Delegationskolleginnen und -kollegen, wenn ich die Schulleiterinnen der verschiedenen Schulen nach Eishockey fragte, wenn sie stolz ihre patriotischen Pokale und Medaillengewinner im griechisch-römischen Stil, Takewando, Basketball, Judo, Tennis und Fußball zeigten (nicht aber im Turnen und Schachspielen). Eishockey scheint ein heißes Eisen, die lokale Mannschaft soll aus der ersten Liga abgestiegen sein, doch hin und wieder raunte man was von großen Stars…Die Sporthallen haben alle einen harten Holzboden, wenig gefedert, keine Ringe, kein Reck, kaum Sprossenwände, eigentlich vorwiegend für Basketball, Volleyball, Sitzfußball, Rumlaufen…Ob die Decken dicht sind, die Heizung im langen Winter (ab November soll alles zu sein) den Anforderungen noch standhalten, das fragten wir gar nicht. Stolz waren sie auch trotzdem immer, wenn sie uns ihre Halle zeigten.

Die Fahrt dauerte eine Stunde und wieder wurden die Zeitpläne nicht eingehalten und wieder waren alle ganz geduldig und freundlich und fühlten sich geehrt, obgleich wir wieder begleitet wurden von einer Dame vom Ministerium und einer Schulleiterin, die beide jedoch die ganze Zeit über nichts sagten, keine Notizen machten, nur ruhig und interessiert der Dinge harrten, die sich da ereigneten.

Erstmals reisten wir durch die Wälder und Landschaften, ließen einen Friedhof direkt an der Straße rechts liegen, der sich in den Wald gearbeitet hatte und mit Kleinverkäufern gesäumt war. Es scheint, die Toten werden besucht. Dies war nicht weit weg von dem, wovon immer wieder gesprochen wird, wenn es um Einkommen und Lebensstand geht – wie in Istanbul – der Datsche, die wohl dazu gehört, wenn man groß ist, wo sich die Familien auch hier gerne drei Monate lang aufhalten, die nicht wie Einzimmerhäuschen aussehen, sondern hölzerne, bisweilen auch steinerne Ein- bis Zweigeschosser, die einen eigenen Hausstand zu beherbergen scheinen. Am liebsten mit Tersse! Im Vorbeifahren sahen wir auch einige sehr malerisch im Wald gelegen, wir stellten uns die früher anhaltende Hitze vor, die ja in den Städten noch viel schwerer zu ertragen ist, und dachten, ja, so kann man auch leben. Die Gewichte verschieben sich. Schulleute haben ja auch fast drei Monate Pause, Anfang Juni wird der Betrieb eingestellt. In diesem Jahr hatten sie einen sehr kalten Mai, ganz überraschend und erinnerten sich an den doofen letzten, verregneten Sommer, so dass wir ihre Laune aufmuntern mussten, als wir an die großen Waldbrände mit vielen ausgebrannten Dörfern und Datschen erinnern mussten. Das hatten sie dann zum Glück nicht. Doch die Moskauer – und ihre Umgebung – sind hier sowieso nicht ganz so angesehen, vielleicht ähnlich wie es die Österreicher mit den Wienern halten.

Reisen bildet“ hatten die deutschkundigen Sibirer noch nicht in ihren Sprachkodex aufgenommen, wiederholten es ein, zwei Mal und nickten dann suchend, wissend, verständig, zustimmend. Es sind ja auch die Bilder von Landschaften, Menschen, Gebäuden, Tieren und anderen Reisenden auf der Schiene, dem Wasser, der Straße oder einem Weg, die aufgenommen werden, selten mit der technischen Hilfe eines Fotoapparats – Danke, Sanne, noch mal für die Ausleihe deiner tollen Kamera, nur gefilmt habe ich damit noch nicht – aber mit den Augen und sie wirken weiter über den Moment hinaus, zumal, wenn man nicht anhalten kann: Wir haben ja Termine. Es sind dann auch die Begriffe wie „Sibirien“, die man versucht zusammenzubringen, mit dem, was man sieht. Die Gedanken sind schnell, und schon kommt der nächste Eindruck. Das macht Reisen so anstrengend, all die Bilder, Assoziationen, Erinnerungen, Gefühle, Szenen, Vorurteile, die Bilder, die man sich vorher gemacht hat.

Dies war also lange das Ende der Welt  - 
  • für die Abenteurer, die Pelze jagten und dabei strandeten und Siedlungen gründeten  oder Truppen nach sich zogen, die die echten Sibirer vertrieben, ausrotteten. Heute sagen die Russen, die hier leben, sie seien Sibirer, und fürchten die Nachbarn der früheren („echten“) Sibirer,
  • für die Verbannten, die der Zar als Revolutionäre nicht mehr im Adel von St. Petersburg haben wollte, dabei aber vergaß, dass das Ende der Welt auf der anderen Seite weitergeht, so dass einige über Japan und Amerika zurück nach St. Petersburg kamen, ohne dass dies bemerkt wurde, denn in der Verbannung wurde wohl nicht Buch geführt. Genau schien man damit gewesen zu sein festzulegen, ob die Verbannung befristet war auf drei oder fünf Jahre oder lebenslänglich. Genau war man damit sicherzustellen, dass die Verbannten in Handschellen dorthin gebracht wurden, oft zu Fuß von vielen verschiedenen, nicht alle kamen an. Aber wenn sie begleitet werden wollten, die Verbannten, wie die aus St. Petersburg, die Revolutionäre genannt wurden, dann war man nicht mehr genau. Die Frauen gingen mit in die Verbannung. Selbst Schuld, dachte man – oder ganz schön blöd. Verbannung war Strafe genug und auch nur als Strafe gedacht. Ob der Verbannte „geläutert“ zurückkam oder sich überhaupt Gedanken machte, war egal. Sie lebten in Dörfern mit normalen Menschen und gingen einer Beschäftigung nach. Sie konnten Besuch empfangen. Lenin schrieb in der Verbannung einige seiner Schriften. Vielleicht genau die Ruhe, die er brauchte, um berühmt zu werden und missverstanden(?!?). Römer und Griechen kannten diese Strafe schon und sie wurde meist auch als sehr hart empfunden, herausgerissen zu sein aus seiner Polis, seiner Gemeinschaft. Heute ist sie irgendwie aus der Mode gekommen. Hausarrest ist davon noch übriggeblieben.
  • für die zum Straflager, Arbeitslager, Gulag oder Kriegsgefangenenlager Bestimmten, die ihrerseits nun keineswegs über ihr Tun und ihre Zeit verfügen konnten, sondern streng bewacht in engen Behausungen Arbeiten unter schwersten Bedingungen zu verrichten hatten und haben und sehr selten Besuch bekommen dürfen. Diese Hunderttausende, Millionen von Abgeschobenen, Ausgebeuteten, Geknechteten, Geschundenen, von denen viele starben, bevor sie frei kommen sollten. Sie stehen auch für Sibirien, aber niemand hat uns einen Gedenkstein für sie gezeigt, nicht in Novosibirsk, nicht in der Umgebung, wir haben aber auch nicht danach gesucht, danach gefragt. Ist das Kapitel denn vorbei, das braucht es doch, wenn man Steine setzt – und Arbeitslager werden – hört man – weiter betrieben, nicht mehr so groß, aber weitgehend unbeachtet. Strafvollzug scheint ja auch zu den „inneren Angelegenheiten“ eines jeden souveränen Staates zu gehören, über die man nicht spricht, weil dass den anderen Staat, die andere Kultur herabwürdigen könnte, wie die Erlaubnis Auto zu fahren für Männer oder Frauen (Saudi Arabien), klassische Musik zu hören oder spielen (Iran), unangeklagt eine Reihe von Tagen eingesperrt zu werden, ohne dass jemand Bescheid wissen muss (30 Tage in Russland), Fotografieren von Kirchen, …Diese Dimension von Rechtsstaatlichkeit haben wir nur wenig berührt, als wir das Kinderheim besuchten und unser Stadtrat nach den Rückkehrmöglichkeiten der Kinder fragte, die aus der Familie genommen wurden. Ja, es ist das Staatsverständnis um das es hier geht, welche Macht sich der Staat nimmt, besser selbst gibt. Was ist eigentlich in Syrien los? Lange nicht mehr nachgedacht über die Mutigen, die sich entgegenstellen, Kopf und Kragen riskieren…


Sibirien ist ja noch weit, sehr weit nach Osten von hier aus. Im Dorfmuseum von Kolywan sahen wir nicht nur den Weg der Verbannten von St. Petersburg aus, lange bevor die Transsib gebaut wurde, wir lernten auch, dass dieser Ort lange die südliche Vorposten Russlands war, das Ende der Welt also, wie man es sich damals vorstellte. Hier ist sie wieder die Perspektive, die europäische. Der Ortsvorsitzende hatte beim Ministerium durchgesetzt, dass die deutsche Delegation ihn zuerst besucht. Das taten wir, in seinem Büro, artig, folgsam, formal, kurz: Freundschaft. Im Postamt gegenüber gab es auch keine Postkaten, nur Glückwunschkarten, auch keine Briefmarken. Die Ministeriumsfrau sagte: Ich weiß, wo es welche in Novosibirsk gibt. Unser Stadtrat raunte: Wenn das schon wieder jemand sagt, weiß man, dass sie keine Ahnung haben. Er, der Verwaltungschef, begleitete uns auf den Stationen Heimatmuseum, ehemaliger orthodoxer Dom mit Kloster für Nonnen, Nikolausstein und Kinderheim, wo ein lokaler Fernsehsender Frau Dr. B. und den Stadtrat interviewte, den Rundgang im Haus mitmachte: Nein, in Novosibirsk ist dieser Sender nicht zu empfangen. Der Ort Kolywan hat 8.000 Einwohner, das Gebiet 13.000. Es finden sich hier, sagte die für Bildung Verantwortliche, 23 Schulen, 7 Kitas, 1 Sonderschule, 1 Sportschule, 1 Schule für Kinderkreativität, 900 Lehrerinnen und Erzieherinnen unterrichten 3.500 Kinder und Jugendliche – kleine Einheiten auf dem Lande also, aber immer noch größer im Schnitt (257) als Ilses Grundschule in Kolenfeld!

Wie öfter heute bekamen alle unsere Russischstämmigen einen lang anhaltenden Lachanfall und konnten sich kaum beruhigen, als sie neben dem Dorfmuseum ein großen braunes Schild mit der Aufschrift „Stadtgarten“ auf dem großen freien Feld sahen und sich an andere Parolen erinnert fühlen mussten, die in der Gegenwart keinen Bezug aufzufinden hatten. Die Befreiung des Lachens! Aber im Hause des Museums, dessen Exponate uns die Direktorin persönlich erklärte, waren wir beeindruckt ob der Vielfalt an Exponaten bis hin zu Originalhelmen aus der zweiten Weltkrieg von Sowjets UND Nazis.
Eine Singer-Nähmaschine kostete seinerzeit 10 mal so viel wie eine Kuh. Das kann man sich vorstellen. Im Souvenirschrank erstand ich zwei Kästchen, die fünf Angestellten mussten sich erst sortieren, wer für den Schlüssel zuständig ist und Bezahlen war auch eine Herausforderung, kommt wohl nicht so oft vor, klappte aber alles quittungsfrei.

Tolle alte 100 Jahre alte Fotografien, Kunsthandwerk auch gerne katzig, eine Super-Sammlung von Fingerhüten und die Sammlung der Medaillen der Dorfprominenz mit Orden. (Nein, Sanne: Dem Wunsch nach Orden konnte ich bis zum Ende befriedigen: Ich hatte genug Pins „ich bin ein Berliner“ erfeut Sibirien!)

Nicht weit entfernt davon, am Rande eines kleinen Waldes, zeigte man uns ein Denkmal vom heiligen Nikolaus, welches erst am 29.Mai dieses Jahres feierlich eingeweiht wurde. Dies sei geschehen, weil Nikolaus so viele Menschen geheilt habe. Ich frage, ob dies auch Leute aus diesem Dorf gewesen seien, und erntete komische Blicke. Nikolaus ist doch schon seit mehr als 1.800 Jahren tot. Na und??? Die orthodoxe Kirche hat offensichtlich wieder Fuß gefasst. Im nahen Dom erlebten wir das Ende einer Einzeltaufe durch den Patriarchen und fanden eine überglückliche Mutter vor, die sich kaum beruhigen konnte vor Glück. Sie war extra angereist aus Novosibirsk, wollte unbedingt die Taufe hier und nicht das Übliche: Eine Massentaufe von 30 bis 40 Säuglingen sei normal. Diese echten Gefühle haben nix mit dem machtpolitischen Austausch vieler Leninorden mit dem Kreuz zu tun. Eine ganze Reihe von Kadern sei in den frühen 90er Jahren schnurstracks zu Würdenträgern der orthodoxen Kirche geworden und nähme dort hohe Funktionen wahr. Das sei alles problemlos und recht geräuschlos über die Bühne gegangen. Lupenreine Demokraten. Sorry: Kirche und Staat sind ja auch in Russland getrennt.

Exkurs: Nicht nur in Ostwestfalen-Lippe sondern sich eine ganze Reihe von Ex-Russen in methodistischen oder evangelikalen Gruppierungen ab, gründet eigene Schulen, um so dem Homeschooling-Verbot der deutschen Schulpflicht zu entgehen. So bleiben sie unter sich und von „Integration“ spricht man nicht, weil das Bestimmungsrecht der Eltern sich über das der Kinder stellt. Religiöse Rechte und kulturelle Traditionen dienen hier wie anderswo zum Gegenteil von Teilhabe und dem Anspruch des Kindes auf eigene Entscheidungen. Wir kamen darauf, weil einerseits minderjährige Eltern oft überfordert sind, Angebote des Jugendamtes jedoch freudig annehmen oder als Schnüffelangriff des Staates zurückweisen. Das Recht der Eltern und die Wachung des Staates. Ein Balanceakt.

Das Hunde-, Foto-, Foto- und Rauchverbot am Eingang zum Klostergelände mit ehemaligem Dom, den die Kommunisten 1975 nicht ganz zu sprengen vermochten, trieb eine vor Wut entbrannte, burkaähnlich verhüllte Nonne auf eine fotografierende Delegationsteilnehmerin zu, um ihr das Bildermachen zu untersagen. Also keine Nonnen, jedenfalls nicht von vorne. Dann hieß es: Nicht in der Kirche. Wieso eigentlich. Den Patriarchen bat ich um ein Foto, sagte er hätte noch was Wichtiges, wohl mit dem Dorfältesten, zu klären, doch er erschien dann nicht. Darauf wollten wir nicht warten. Die Kirche war schön, auch ihr werdet es sehen können. Warum auch  nicht. Postkarten jedenfalls verkauften sie von der Kirche keine, nur Ansichten auf einem Kalender des Doms von außen. Von einem Bilderverbot bei den Orthodoxen ist mir nichts bekannt, wäre auch komisch, haben sie doch viele schöne selbst in ihren heiligen Räumen.
Jedenfalls gab es keine Proteste mehr wegen des Bilderverbots. Der Zulauf zu den Orthodoxen und deren Machtzuwachs im vaterländischen Russland  deutet eine unschöne Kontinuität an. Wie hieß es gestern: Nicht alles war schlecht…

Zur Strafe hatte es sich am Himmel zugezogen, Wind kam auf. Unser Stadtrat suchte noch ein Andenken, die Kräuter- und Blumenfrauen als Nonnen zogen sich aus en Beeten  langsam zurück, da begann es schon schnell und heftig zu regnen und erwischte unseren Nachrückenden mit vollen Eimern. „Kann ich helfen“ erwiderte er damit: Ein neues Hemd könnte ich brauchen. Da ich dies fast Selbstgespräch nicht überhören konnte, ich saß im Bus hinter ihm, holte ich aus meiner immer griffbereiten Reisetasche mit Heften und Broschüren, Ministadtplänen und Schlüsselbändern, Taschen vom Kant-Bildungskongress und Schulkleidungsmustern für interessante Schulen ein weißes M-Schul-T-Shirt der Internationalen Schule Berlin hervor, welches ihm wie ein Wunder vorkam und prompt passte. Er freute sich ob der trockenen Kleidung und durfte das Souvenir am Ende auch behalten, weil´s gefiel. So soll´s sein. Gott sei dank oder dem Regen oder der Tasche. So wurde denn meine Tasche zur Wundertasche. Danke, Nikolaus!

Es regnete heftig, bis wir das Kinderhaus erreichten und im Trockenen waren. 12.30 Uhr. Der Leiter begleitete uns: „Kommen Sie bitte mit in mein Zimmer?!“ Nein, er wohnt 30 km entfernt, arbeitet aber für 35.000 Rubel von 7 bis 22 Uhr und hat 99 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wovon einer nachts wacht und nicht schlafen darf. Was verdient eigentlich ein Schulleiter in Deutschland? Gute Frage, wie will man die Eurobeträge vergleichen. In Russland kommen 15% Steuern runter. Die offizielle Begrüßung in seinem Büro lieferte uns die Zahlen, soweit sie verfügbar waren: 123 Kinder leben hier, gehen hier zur Schule (Klasse 1 – 9, wer langsamer ist, wiederholt ein Jahr oder zwei) und können auch ihre Ausbildung machen. Spätestens mit 23 müssen sie raus, am liebsten in die Gegend, aus der sie gekommen sind. Sie schlafen zu Dritt oder zu Fünft. Die Verantwortlichen sagen, sie freuten sich, wenn für die Waisenkinder eine neue Familie gefunden wird. Und man glaubt es Ihnen. Mit Adoptionsagenturen haben, die Kinder ins Ausland vermitteln, haben sie gemischte Erfahrungen, bleiben aber trotz schlechter Erfahrungen im Einzelfall dran, ermutigen die neuen Familien aus dem Ausland, den Kontakt zur Heimat in Russland zu pflegen.

Sie haben aber auch Kinder, die aus der Familie genommen wurden, weil die Eltern nicht klar kamen. Die dürfen ihre Kinder dann auch nicht besuchen, aber die Verwandten am Wochenende. Wie schnell geht das denn mit dem Herausnehmen aus der Familie, wenn der Staat sich so stark fühlt wie der beste Oberpädagoge???? Nein, man versuche, Eltern und Kinder wieder zusammenzubringen, doch Fakten nannte man uns nur bei Waisenkindern. Acht fanden im letzten Jahr eine neue Familie.

 Inklusion ist hier auch ein Thema. Aber Barrierefreiheit herrscht hier nicht. Das zuletzt vor acht Jahren renovierte Haus sieht verglichen mit den meisten von uns besuchten Schulen passabel aus, doch innen ist es eng, alte Leitungen, alte Fenster. Kein Energiesparhaus. Wir besichtigen Werkstätten für Holz, Kochen, Basteln, Handwerk, die Sporthalle, die Sozialarbeiterin, die Ärztin, die Küche, die Mensa mit kleinen Jungens.
Alles einfach, aber freundlich. Keine Vorlesebücher im Schlafzimmer. Wie will man ein Zuhause ersetzen? Die Kinder dürfen sich aber frei im Dorf bewegen, keine Gitter, kein Knast.

Wie werden beköstigt und warten bis die Fernsehfritzen weg sind. Nein, Geld er ab. Der zusätzliche Termin hatte die Geschenkefront geschwächt. Dann schicken wir ein Kuscheltier. Gut. Danke. Weiter. Eine lohnende Ergänzung dieser Besuch. Viele Fragen bleiben offen: Wie geht es den Kindern denn wirklich?

Unsere Übersetzerin, eine 25-jährige Lehrerin, stammt aus diesem Ort, dieser Siedlung Tulski, wusste aber nicht mehr, wann ihre Großeltern Wolf hier hin verfrachtet wurden. Sie blieben dann, als sie wieder weg gekonnt hätten. (Deutsch hat sie erst wieder in der Schule gelernt, heute unterrichtet sie dieses Fach und arbeitet nebenbei (wie alle das tun) an dieser Einrichtung im Projekt Distanzlernen.) In der Ukraine war auch nichts mehr so wie vorher. Zum Finale begrüßte uns ein überaus dynamischer, Energie geladener, optimistischer und gebildeter Leiter, Principal Igor Kotov, ihr Zweitchef.

Die Vorläuferschule war 1934 errichtet, das heutige Bildungszentrum für die 3.100 Einwohner der Siedlung 1998: Grundschule, Oberschule, Berufsschule, Traktorfahrschule, Weiterbildung und seit 2010 ganz neu Fernlernen für behinderte Kinder in der Pampa, nein, in der sibirischen Steppe. Großzügig gebaut, hell, viele Blumen und Pflanzen, eine Bibliothek für die Nachbarschaft, eine für die 240 Schülerinnen und Schüler, eine Bastelwerkstatt für die Mädchen mit Puppen, eine Holzwerkstatt für die Jungen mit fein geschnitzten Holzbrettchen, eine Sporthalle, eine Aula, die eher ein Kino- und Theatersaal mit neuester Technik ist und auch von den örtlichen Honoratioren genutzt wird, ein schönes Motto der Schule: „Du sollst in die Welt lächeln und die Welt gibt dir ein Lächeln zurück.“ Die Kinder sind ja schon alle in den Ferien, doch dies Bildungszentrum ist nicht nur eine Schule, sondern eine Anlaufstelle für die ganze Siedlung, eine „Gebietseinrichtung“. Platz ist für 360 Schüler. Man wächst und konnte nicht alle Erstklässler aufnehmen.

Der Tisch ist gedeckt mit allen möglichen Vorspeisen, Zunge, Lachs, Stutenmilch müssen alle trinken, ganz frisch, Wurst, Schinken, Speck (gut für den Vodka, den fast keiner trinkt, nur ich und meine Nachbarin aus Bohnsdorf ein wenig), Obst, Brot, Tomate, Gurke. Dann eine Suppe, dann die Hauptspeise. Kaffee kommt zu spät. Wir fangen schon beim Essen an, das Konzept des Präsidenten zu verstehen, der im späten Dezember 2009 allen Regionen viel Geld gab, damit sie ein Internet gestütztes Unterrichtsystem für die leicht Behinderten aufbauen, ohne dass der Kontakt mit Lehrern abgeschnitten wird. Russlands Bildung ist doch zentral verwaltet. Moskau hatte also alles fertig, was an Inhalten eingefüttert werden könnte, allein, man verlangte von den Regionen eine derartig hohe Lizenzgebühr, das die stolzen und selbstbewussten Sibirer mit Ihren Hochschulen sprachen und die versprechen, ihnen dabei zu helfen, was Eigenes aufzubauen, was sie nun tun.

165 Kinder haben im ganzen Gebiet schon eigene Rechner, manchmal den ersten im Ort, und einen Internetanschluss erhalten und arbeiten mit diesem Programm. 290 müssen bis 2012 erreicht sein, dann endet die Förderung und wer weiß, ob diese fortgesetzt wird. Ich wäre da nicht so pessimistisch, immerhin stehen doch Präsidentschaftswahlen vor der Tür. Aber in Russland weiß man nie und wenn der Hahn wirklich zugedreht wird, auch darauf bereitet man sich schon vor. Die einen von uns finden das das Ende von Bildung für Behinderte, weil es immer so anfängt. Die anderen sind begeistert ob der Möglichkeiten und wir alle verfolgen eine Lifeschalte mit einem Mädchen, das das toll findet. Nein, im Netz sind nicht die Inhalte, nur die Zusatzaufgaben. Wir wollen sicherstellen, dass die Einszueins Bildung für die Kinder bleibt. 200 – 500.000 Rubel kostet das pro Jahr und Schüler, doch die ewig weiten Wege für die Kinder, das Herausnehmen aus der Familie für eine Spezialschule ist auch nicht das Gelbe vom Ei. Fünf Leute arbeiten dauerhaft dran, insgesamt 160 Pädagogen, einer in Amerika, der kümmert sich um Englisch. Vielleicht geht da was. Deutsch ist zwar die erste Fremdsprache, doch die beiden Leiter sprechen kein Deutsch. Sie werden sich zu entwickeln wissen, sie sind schlau, waren im Ausland und sind doch zurückgekommen. Geht doch. Der Präsident lächelt selbstbewusst über dem Schreibtisch des Leiters, der uns alle mit Geschenken verabschiedet.

Unsere Übersetzerin bleibt in ihrem Ort zurück. Zum Hotel in die Stadt muss sie uns nicht begleiten. Am liebsten käme sie mit. Sie kann die Abschiedstränen nicht unterdrücken. Ich überlasse ihr einen Orden, eine Tasche, einen Stadtplan, eine Broschüre und den obligatorischen Orden da, einen Schlüsselanhänger und das letzte Kant-Kleidungsstück, eine dünne Regenjacke. Sibirien freut sich und weint.
Wir sind erschöpft und froh über die letzte anregende ermutigende Station auf der  Fachkräfte-Bildungsreise ins unbekannte Land am Ende der Welt mit unbekannten  Möglichkeiten und sichtbaren fehlenden Regeln. Wir lernen, dass für die meisten Sibirer, die wir getroffen haben, Deutschland viel näher ist als umgekehrt, dass sich Hoffnungen mit den Begegnungen verbinden. Sie suchen Deutschlehrer, wir Mathelehrer. Vielleicht geht da ja was. Selbst die, die ihre Kinder schon auf eine Klassenreise schicken, ist dieses ja mindestens einen Monatslohns wert. Und Vodkaumdiewettesaufen, war auch nicht nötig. Nur im Russisch-deutschen Haus kreiste der Alkohol beim Toastwettbewerb, doch das war Weinbrand.

Ich merke schon, zum Resümieren fehlt noch was, doch auch dieser Tag will nun zu Ende gehen, die Abreise vorbereitet sein. Mal sehen, ob der Ministerstellvertreter noch mit aufs Boot kommt, morgen. Gute Nacht für heute. Was für ein Geschenk eine solche Reise. Mein kleines schwarzes Heft, einGeschenk von Frau Redlich, hat noch andertalb Seiten frei. "Dichtung und Wahrheit" steht da und passt immer wieder.



Donnerstag, 23. Juni 2011

Novosibirsk, der 4. Tag, 22.6.: Akademgorodok orthodox "Es war doch nicht alles schlecht"

Nach den ersten drei sehr vollen Tagen frage ich mich, was es denn nun noch Neues zu berichten gibt. Gewisse Dinge scheinen sich zu wiederholen, andere Widersprüche werden offensichtlicher.
Der Gruppenzwist ist nicht ausgebrochen, es macht sich bisweilen Erschöpfung breit, nicht nur bei mir. Die Stimmungslage ist insgesamt als sympathisch-kooperativ, geduldig, manchmal apathisch-konstruktiv, meistens humorvoll, nie verkrampft zu bezeichnen. So langsam kommt das Ende in Sicht. Bereits  gestern war ich bereit den Mittwoch in Freitag umzutaufen, doch getauft wird hier ja kaum. Geht also nicht.
Die sengende Hitze ist vorbei. Wie gestern kamen auch heute ein paar Kleinschauer nieder, so dass ich einen sibirischen Regenschirm als Stütze bei den bisweilen langanhalten Vorträgen nutzen konnte. FARASZ, früheste anzunehmende Rückkehr in das Hotel aller sibirischen Zeiten seit unserer Ankunft: 22 Uhr im Hotel. Nun scheint das Programm wirklich auszuklingen. Morgen erst um 10 Uhr Abreise, heute ging es um 9 Uhr los. Drei Pkws von Lehrkräften ersparten uns einen der beiden orientierungsfreien Busfahrer und schenkte uns die Begleitung von zwei Lehrerinnen und der Leiterin jenes Gymansiums, welches als  erstes versucht, seine Nummer loszuwerden:  Sie haben sich den Hermelin als Maskottchen ausgesucht und der Schule ein Motto gegeben: Mit Liebe der Zukunft entgegen gehen.
Heute aber fuhren wir und zwar in die berühmte Forschungsstadt Akademgorodok, eine Stunde von Novosibirsk entfernt:
10 Uhr Museum der Geschichte der Sibirischen Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften
11.30 Uhr Ausstellungszentrum (Aquarelle)
12.oo Uhr Russisch-orthodox Gymnasium
13.00 Uhr ebenda: Runder Tisch mit dem bezirklichen Verwaltungschef des Bezirks Gordienko A.A., der Schulzuständigen und dem Patriarchen Sergeij Radoneschski: „Die Wege der Zusammenarbeit mit Deutschland“
15.30 Uhr Gymnasium Nr. 6 HERMELIN: „Die Erfahrung des Gymnasiums im Erlernen der Fremdsprachen. Internationale Partnerschaft“
18.30 Uhr Besuch einer Aufführung im Opernhaus von Novosibirsk

Emma unterrichtet Deutsch, fährt einen Toyota mit dem Steuer auf der rechten Seite, japanische Altwagen kommen in Kontingenten nach Russland. Nun hat man die Zahl der Falschlenkradautos limitiert. Mal sehen, wer die zählt. Sie spricht sehr gutes Deutsch und bestätigt die bisherigen Erkenntnisse über Zweitjobnotwendigkeit von Lehrerinnen, Abwehr gegen Fremdsprachenunterricht, fast vollständige Abwanderung der Russlanddeutschen. Im CD-Spieler liegt ein Italienischkurs: Mein Programm gegen Alzheimer. Sie hofft auf eine Klassenreise nach Italien, vielleicht in zwei Jahren. Dabei wird an ihrer Schule gar kein Italienisch gelehrt. Aber Latein. Das spielt vielleicht auch gar keine Rolle.
Die gerade abgereiste Gruppe aus China konnte auch kein Russisch, aber russische Schüler lernen Mandarin. Jetzt stimmt die Reihenfolge: Der Kleine lernt die Sprache vom Großen. Genau. Deshalb ist Sanne mit Niederländisch so exotisch. Und was ist mit den Russen und Deutsch, die „Blutsbrüder“ (siehe gestern)? Mit der Größe ist das wahrscheinlich auch eine Frage der Empfindung und nach Europa haben sich die Russen gerne hingezogen gefühlt – und abgestoßen. Bei uns lernt doch auch nicht viele Menschen Russisch, wenn sie nicht in Ostdeutschland sind oder selbst aus Russland kommen. Emma jedenfalls ist zufrieden mit ihrem Zweitjob an der Schule, Vertiefungskurse am Nachmittag, Deutsch-Seminare an der Hochschule, Naturwissenschaftler. „Alle an der Uni wissen, dass du ohne Fremdsprachen einpacken kannst.“ Und die Eltern der Kinder der Hermelin-Schule sind zu großen Teil aus den Unis in der Umgebung und bestehen auf drei Fremdsprachen für Ihre Kinder. Dafür zahlen sie auch zusätzlich Gebühren. 500 Rubel bringt eine Doppelstunde Deutsch, am besten geht Englischunterricht mit bis zu 750 auf die flache Hand.
Das was hier Gymnasium heißt ist in Wirklichkeit eine Gemeinschaftsschule mit Abitur. Emma ist Anfang 50, lebt auf dem Land, kümmert sich um ihre vergessliche 90-jährige Oma, ist modisch gekleidet und sieht viel jünger aus. Aus der Politik hält sie sich raus, hätte aber keinen gewählt.
Von der Initiative zur Reduzierung der zweiten Fremdsprache hat sie nichts gehört: „Das werden sich die Leute nicht gefallen lassen. Der Sozialismus ist doch vorbei!“
1957 beschlossen die Kommunisten, ihre militärisch-industriellen und Weltraumforschungen in einer Außenstelle bei Novosibirsk im Wald zu errichten – als Außenstelle der Akademie der Wissenschaften. Der Wissenschaftstar seinerzeit hieß Mikhail Alexeyevich Lavrentyev, vielfach Dekorierter, charismatischer Mensch,  wurde  Chef der Außenstelle Sibirien bis 1975. Durch ein Museum führte uns ein ehemaliger Oberst, der auch fünf Jahre im Leitungsstab in Wünstorf war und begeistert mit einem Zeigestock alle alten Dokumente und Exponate erläuterte, was dauerte, denn auch hier musste alles übersetzt werden. Die Russen waren ja nach dem gewonnenen Großen Vaterländischen Krieg voll auf Kriegsproduktion, Spitze in den Wissenschaften, gekränkt durch die amerikanische Atombombe und mit dem Sputnik wieder oben auf. In diese Phase viel die euphorische Weltwissenschaftsforschungsentscheidung im Wald Sibiriens, wo es ja kaum Menschen gab. Der Oberst rühmte die Besonnenheit und die Fähigkeiten der Wissenschaftler,  die Atombombenversuche bei Alma Ata so in der Lage gewesen sein zu steuern, dass nicht die ganze Stadt aus Versehen verstrahlt wurde. Diese irre Wissenschaftsgläubigkeit unter Hochdruck im Wettlauf der Systeme, koste es, was es wolle. Der Oberst war ganz in seinem Element und zog sein Programm bis zum bitteren Ende durch, lebt wohl immer noch im Himmel des frühen kalten Krieges: Gutes Rentnerprogramm.
Ein Zwischenstopp zeigte eine Ausstellung mit schönen Aquarellen, Landschaftsbilder, zum Kaufen. Keiner tat es, einige bedauerten dies nachher.
Die orthodoxe Schule ist die einzige nicht-staatliche in diesem Bezirk mit 127.000 Einwohnern, von denen 36% in der Wissenschaft arbeiten und 45 staatliche Bildungseinrichtungen beherbergt, davon 22 Kitas, 3 Gymnasien, 18 allgemein bildende Schulen sowie 5 berufsbildende. Diese Schulen gehören zu den „besten Russlands“, erfahren wir mit Stolz vom Verwaltungschef später. „Sehr erfolgreich im Bereich von Projekten, Partnerschaften und Schüleraustausch.“ 25 Forschungsinstitute sind hier im Bezirk ansässig und bei der Frage der "Umwandlung" hatte man sich mit der Frage beschäftigt, ob der amerikanische oder der deutsche Weg der Richtige sei. „Wir sind reformfähig.“ Und viele Preise wurden gewonnen. Alles super, alles o.K., keine Probleme! Wahrscheinlich ist der Rest Russlands einfach mit anderen Dingen beschäftigt…

Von der Schule erfuhren wir nur, dass sie seit 1998 arbeitet, wahrscheilich Protektion genießt, und wir hörten Gesang von einer Aufnahme des Schulchores. Zwei vaterländische Lieder. Die Bilder gebe ich lieber nicht wieder. Der Geistliche kam hinzu, sprach aber erst am Ende des Runden Tisches: Man solle die Tradition bewahren. „Es war nicht alles schlecht, weder beim Zaren noch bei den Kommunisten. Stabilität ist schon was sehr Wichtiges. Sehr große Freiheit führt zu sehr großen Problemen.“ Nun wussten wir, es war der Ort für die politische Begegnung von Deutschen und Russen, mehr nicht. Eine CD mit Liedern des Chors nahm ich als Geschenk an, die Hefte enthielten nur kyrillische Buchstaben. Das unorthodoxe Essen ("orthodoxes Essen gibt es nicht") war sehr gut, der Geistliche sah sich näher beim Papst als bei Luther.

Die politische Runde wurde lebhaft, als Frau Dr. B. ihr lebendiges Plädoyer für bilinguale Bildung vortrug und wieder der Merkelsatz und Multi-Kulti aus Verwaltungsmund kam. War wohl Teil der Schulung. Mein Hinweis darauf, dass selbst Angela Merkel die freie Meinungsäußerung zustehe, erfreute die Runde, doch der Stadtrat erklärte seinem Kollegen die deutschen Versäumnisse: Man dachte, die gehen doch wieder, andere, alles wird gut. Die liebe Not mit der Muttersprache derer, die man lieber russisch haben will, blieb gewohnt engagiert, „mit allem drum und dran.“
Interessant waren jedoch die verschiedenen Versuche unterschiedlicher Gesprächsteilnehmer mit Sprachkenntnissen in Deutsch und Russisch, als es um die Übersetzungen ging und die eine und der andere dann doch eingreifen zu glauben musste, weil der Sinn verloren war, das Dolmetschen zur Veränderung des Gesagten genutzt wurde. Mir fiel es schwer, die Fassung zu bewahren und unterhielt meine Nachbarschaft mit Aufklebern „Wir sind so frei“

Die Schulen sind alle durchgezählt und tragen Nummern als Namen, bisweilen haben sie „ehrende“ Zusätze. Doch das erst 20 Jahre alte Gymnasium Nummer 6 möchte seine Nummer ablegen und hat sich den Hermelin als Paten gesucht. (Dabei hatten Ulla und ich erst neulich gelernt, dass man auch zu Zahlen Gefühle haben kann; Affe 63, z.B. bekommt trortdem eine Persönlichleit) Ein Plüschtier-Hermelin im Schrank des Konferenzzimmers erwies sich als Hand gefertigtes Einzelstück, verkäuflich ist er noch nicht. Wie alle Schulhäuser bröckelt auch hier alles vor sich hin. Der Bauzustand ist z.T. erbärmlich. Drinnen finden wir viele Smart Boards, die sich als Erlöse aus gewonnenen Wettbewerben herausstellen. Das macht man ja sehr gerne. Noch lieber hängt man alle verfügbaren Wände mit Urkunden und Diplomen und den Fotos der Übergaben voll. Nicht nur die Direktorenzimmer, ganze Flurwände. Diese noch sehr junge Schule mit einer sehr engagierten Schulleiterin, die auch Mitglied des Stadtparlamnets ist, hat es geschafft, volle staatliche Förderung zu erhalten und das Recht, Geld einzunehmen. So verkaufen sie Arbeitsgemeinschaften und Kurse und finanzieren damit die Zusatzarbeit (Zweitjob) der Lehrkräfte. Zu den Wettbewerben ohne Geldlohn gehört die Teilnahme an Känguruh! Deutsch und Mathe.
Gleichzeitig haben sie mit mehr als zehn Schulen Partnerschaften. Schüler reisen dorthin, Schüler reisen hierhin. China, Deutschland, Philipinen, USA, Spanien, Frankreich. Mittlerweile werden ihnen die Partnerschaften angetragen. Also kein Handlungsbedarf. Später lasse ich mir erklären, das jedem Schüleraustausch ein gegenseitige Lehrerinnenreise vorausgeht, meist zehn Leute, nicht nur die unmittelbar betroffenen Fachlehrerinnen, nicht immer in den Ferien. Eine gute Motivation, oder?!?!! Deutsch, Englisch, Spanisch, Latein, Französisch und Chinesisch sind die Fremdsprachen für 1.220 Schüler.
Die Rückreise verzögert sich durch Staus. Wir sind zu spät, werden aber doch während der Aufführung rein gelassen und finden ein Opernhaus, welches das Moskauer noch übertreffen soll, doch nur ein Viertel der Plätze ist belegt. Am Preis kann es nicht liegen: 130 Rubel sind 3 Euro 25 Cent. Ein tolles Haus, sehr gute Sänger, ein Klasse Chor. Nur kämpfe ich heftig mit der Müdigkeit und erlebe eine Premiere. Beim Verlassen der Oper scheint noch die Sonne. Ein Regenbogen überschirmt die Silhouette. Wir verabschieden uns von den drei Fahrerinnen, die ihren Sommerurlaub für uns für einen Tag unterbrochen haben.
Ganz langsam zu Fuß zum Hotel. Füße hochlegen. E-Mails bearbeiten. Notizen notieren. Ein Heineken trinken. Die Geschenke auspacken: Noch eine DVD von den Orthodoxen, Pralinen, einen Schulpin, einen Deutschland-Russland-Pin, einen russischen Schulkalender, eine Papier-Merch-Tasche der Schule für Andrea, ein Stift.
Mal sehen, was uns morgen erwartet in der Arbeitssiedlung Kolywan und wann wir Zeit für Konsum kriegen. Zeit zum Versenden, Zeit zum Schlafen, einmal nicht vorwiegend schlaflos in Sibirien. Fahren die Japaner eigentlich rchts oder links?????


                                                                                                                                       






Mittwoch, 22. Juni 2011

Dritter Tag in Novosibirsk: Stolz und Patriotismus. Mittwoch, 22.Juni 2011


Kurze Nacht, bewölkter Himmel, kleines Frühstück, aber Abreise erst um 9.30 Uhr.
Die gestern Abend noch besprochenen Kürzungen im Programm (verkürztes Mittagessen sowie Konsum statt Kultur) führten in der Tat zu einer neuen Erfahrung: Eine ganze Stunde unbegruppte Zeit, quasi allein gelassen, zum Schlendern auf einem Kunstmarkt vor der Oper (der größten in ganz Sibirien). Auch der heutige Feierabend um 22.30 Uhr war die früheste Rückkehr in die Schreib- und Schlafstätte.

Tageordnung:
  1. 10 Uhr  Verwaltung des Bezirks Lenin, Treffen mit der stellvertretenden Verwalungschefin für Bildung, Kultur und Sport, Zharkova Tatjana, ihrer Chefin und einer weiteren Stellvertreterin
  2. 11 Uhr Spaziergang zum Denkmal des Ruhmes den Siebirischen Kämpfern
  3. 11.30 Uhr Besuch der staatlichen Budget-Vorschulischen Bildungsinstitution mit Leotek
  4. 13 Uhr Mittagessen im Haus der Gesundheit und der Schönheit
  5. 14.00 – 17.00 Uhr Gymnasium Nr. 14 Universität mit Probestunde Jungen, Probestunde Mädchen und Diskussionsrunde mit Lehrern und Schülern
  6. 18.30 Uhr – 23.30 Uhr Abendessen in Russisch-Deutschen Haus „Zu Besuch bei Freunden“ mit dem dortigen Direktor, drei Schulleiterinnen und dem stellvertretender Minister für Bildung, mit Rundgang und vielen Toasts

Die Schulleiterin vom Gymnasium Nummer 7, die uns bereits vom Flughafen abgeholt hatte, empfing uns in der Hotelhalle mit unserer Dolmetscherin. Sie war wohl im Auftrag des Herrn unterwegs. Bei diesem dritten Unterverwaltungstermin saßen wir drei ehemaligen Lehrerinnen gegenüber, die es in die Verwaltung geschafft hatten. Es gab kein Wasser, keinen Tee, kein Gebäck. Der große, goldene Lenin – Namensgeber unseres heutigen Verwaltungsbesuchs - vor dem Haus (am Montag hatten wir einen riesigen schwarzen gesehen, als was ganz anderes) hatte noch ganz unbeteiligt getan, dabei war doch heute „Barbarossa-Tag“: 70. Jahrestag des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf die SU. Und wir sollten das Denkmal des Ruhmes … auf der anderen Straßenseite im Anschluss besuchen.

Mit 55 können die Frauen, mit 60 die Männer in Rente gehen, wenn sie Lehrerin oder Lehrer sind. Die meisten bleiben und bekommen beides: Rente und Gehalt. Das spart den sonst üblichen Zweitjob bei der mageren Lehrerbezahlung. Die drei Damen hatten den Zeitpunkt offensichtlich verpasst. „Man hat sie einfach vergessen, die Pädagogen, nachdem im Kommunismus ja fast alle kaum weit auseinander lagen“, sagte mein Kronzeuge. Nun haben sie den Salat, denn jetzt beginnen die staatlichen Stellen zu rechnen. Was ganz Neues. Die drei Damen saßen ganz in meiner Nähe, berichteten  stolz davon, dass ihr Bezirk nicht nur der größte, mit den meisten Einwohnern, heute 300.000, sondern mit dem meisten Zuwachs (30.000 in fünf(?) Jahren) durch Zuzug und mehr Babies. Wir sind wieder links des Ob. Damit haben wir den Teil der Stadt abgearbeitet.

Der Bezirk beherbergt auch 6 Hochschulen mit Studentenwohnheimen und 6 Ausbildungsbetriebe, insbesondere in den Branchen Metall, Bauen und Nano-Technologie, bei insgesamt 88 Bildungseinrichtungen in ihrer Verantwortung. In den Schulen ist das Wachstum an Schülern erst vor einem Jahr angekommen. Bis vor zwei Jahren gab es zuwenig Absolventen für die Hochschulen und Ausbildungsbetriebe, in diesem Jahr sind es ein wenig mehr, nämlich 900, normal waren 2.000! (Verstehn wir jetzt besser, warum die Technische Uni allen absolventen des gestrigen Lyzeums Studienplätze ohne Aufnahmeprüfung anbit?!?)

In den Kitas fehlen 10.000 Plätze allein in diesem Bezirk. Dabei hatte man vor Jahren Kitas zugemacht, nun nutzt man z.T. Schulen um: Wenn´s der Staat macht, geht das ja…Die Mütter können zwar drei Jahre zu Hause bleiben und dann an ihren Arbeitsplatz zurück, doch das Geld ist knapp. Die meisten wollen nach 18 Monaten wieder arbeiten und haben einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz. Die Zuzahlung der kostenfreien Kita beträgt 1200 Rubel (€ 30), 50% der Einkommensschwache (monatlich 5.800 Rubel oder € 145). (In Marzahn, wird aus unseren Reihen ergänzt, fehlen 400 Kitaplätze; von 13.000 Kindern zwischen 0 und 3 Jahren sind 9.000 in Kindereinrichtungen.)

Was tun, sprach Zeus??? Man kann ja nicht zaubern. Was aber geht, macht man. Die Kitaplätze werden sowieso vom Amt direkt zugewiesen. Die Leiterinnen haben hier nichts zu sagen. Wenn die sagen, wir sind voll, wird die Betriebserlaubnis geändert. Nun müssen 25 oder 30 Kinder in eine Gruppe, in der vorher 15 waren. Aber viele Klagen gibt es gar nicht. Die Leute kommen einfach ins Amt.

Das Mehr an Kindern begründete man mit einer Prämie des Präsidenten für das zweite Kind, die Zuzügler kämen aus der nahen sibirischen Umgebung“, vielleicht auch aus Kirgisien, Turkmenistan und China. Sprachprobleme sieht aber keine der drei in der Kita (wie denn auch bei so vielen Kindern???) eher in der Schule. Dort wird im Schichtsystem gearbeitet. Eigentlich wollte ich noch fragen, was sie sich eigentlich für ihre Arbeit wünschen, doch wahrscheinlich hätte ich darauf auch keine Antwort erhalten – aber wer weiß, vielleicht doch. Hier verteilte ich keine Geschenke, der offizielle Tei  verlief wie gewohnt. Man freut sich sehr, wartet vielleicht schon darauf. Ein offenes Gespräch, alle wussten, was alles nicht gesagt werden soll.

Vor der Tür war schon viel los. Roten Nelken wurden verkauft, alte Männer und Frauen versammelten sich am Fuße Lenin. Veteranen kamen in Uniform mit vielen Orden. Was für ein Tag, dieser Gedenktag an den Überfall. All diese Morde, all dieses grauen, all diese Toten.
Unser Stadtrat erinnerte sich an Bilder aus sowjetischen Dörfern und Städten, die den Überfall an die ungläubigen Einwohner mit Lautsprecherwagen verkündeten, da es noch kaum Radios gab. Und kaum eine Familie blieb verschont. Auf der anderen Straßenseite postierten sich aktive Soldaten in Formationen vor dem riesigen Denkmal des Ruhmes des Sibirischen Soldaten. Lehrer mit Kindergruppen zogen durch die Gegend, postierten sich, legten Blumen nieder, ließen sich von ihren Lehrern die Inschriften erklären. Eine erzählte, dass die deutschen Soldaten sehr große Angst hatten als sie hörten, dass sibirische Soldaten im Anmarsch waren – und Hals über Kopf die Flucht ergriffen. „Warum bloß, waren die denn so langsam???“ entwich es mir. „Nein, hier wird nur Stolz gepredigt, man nennt es Patriotismus. Diesen „Feiertag“ gibt es erst seit etwa sieben Jahren. Früher wurde der übergangen.“ Aus unserer Gruppe regte sich großer Zorn ehemaliger Russen ob des Aufzuges, der hier vonstatten geht. Ein Missbrauch mit den Gefühlen der beteiligten Familien sei dies. Stolz und Patriotismus werden richtig hoch gespielt. „Nein, in der Schule haben wir nichts davon gehört, dass Stalin sehr viele seiner Offiziere erst aus Sibirien holen musste, die dort zwangsarbeiteten“, sagte mir unsere 25-jährige Dolmetscherin, deren Eltern als Wolgadeutsche in einen Vorort von Novosibirsk umgesiedelt wurden. Der Hitler-Stalin-Pakt war auch nicht präsent.

Eine ganze Reihe ehemaliger Russen seien vor allem deshalb nach Berlin gekommen, weil sie ihren Söhnen das Militär ersparen wollten. Dort gehe es heute noch sehr brutal zu. Den zweijährigen Wehrdienst könne man kaum verweigern, nur mit Krankheiten oder sehr guten Beziehungen sei der zu verhindern. Und dann würden immer noch Wehrpflichtige in die laufenden Kriege geschickt. Wir finden tatsächlich neben den riesigen Steinquadern mit den Namen aller gefallenen Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg auch zwei kleinere, die auf die Kriege oder Auseinandersetzungen in Vietnam, Syrien, Tschetschenien, Georgien, Angola, Takischistan, Bergkarabach, Mozambique, Armenien mit den Namen der dort Gefallenen aus dieser Stadt hinwiesen. Ein Trip für uns „Unbeteiligte“, was für einer für die Kollegen, die lange in diesem Land gelebt haben…Wir wandern weiter, der nächste Termin wartet, man treibt uns weg, wir laufen durch zerfallene Straßen, kaputte Häuser mit der Aufschrift: Du, Genosse, hältst dein Haus sauber. Man lacht sich frei.

Kita Leotok…

…beherbergt nur 115 Kinder. Die nette Leiterin erzählt von 25 Kindern in der Gruppe und von den thematischen Tagen, die sie im Sommer machen, wenn weniger da sind. Sie orientieren sich am Petersburger Einheitskindergartenprogramm, müssen das aber nicht, fast alle machen das. Künftig wollen sie mehr künstlerische Projekte machen. In jedem Zimmer steht ein Fernseher und hängt ein Präsidentenbild. Ja, patriotische Erziehung ist auch unser Auftrag. Ich sage, wir hängen die Bilder der Kinder auf. Der Präsident gehört nach Hause. Aber alle Erzieherinnen sind qualifiziert und müssen sich fortbilden. Wir wandern durch die ansprechenden Räume und halten die Kinder vom Essen ab. Schnell weiter. Wir erhalten Selbstgebasteltes von den Kindern. Heute kein Tanzen und Singen. Eigentlich schade. Doch die Musik vom Lenin klingt noch in den Ohren…Auch hier finden wir Büros von Spezialisten für Logopädie, eine Ärztin, Musik, …schönes Zusatzpersonal, doch da keine Kita entscheidet, wer kommt, dürfen sie sich auch nie von einem Kind trennen. Volle Verantwortung. Wurde das gestern weiblich genannt???

Unsere begleitende Schulleiterin hat uns einen neuen Wagen besorgt, der japanisch ist, eine Klimaanlage hat und einen Navigator sowie einen neuen Fahrer.Der alte habe aus einem Vorort gestammt und hätte sich in der Stadt nicht ausgekannt. Das tut der neue auch nicht. Er hört aber auf Richtungshinweise von Ortskundigen. Dieser Kleinbus ist tatsächlich angenehmer. Er wurde für heute, ob morgen und übermorgen steht noch in den Sternen, von einem Abgeordneten überlassen. Werden wir den noch sehen, frage ich naiv. Nein, heißt es, der sei mit Japanern unterwegs. Stolz berichtet unsere Schulleiterin des preisgekrönten Gymansiums Nr. 14, die uns ja heute begleitet, dass es sich um den Präsidenten des regionalen Parlaments handele, der gleichzeitig alle Wohnblocks hier erbaut habe, nämlich Bauunternehmer sei und ihrer Schule schon mehr als 3 Mio Rubel gesponsort habe. Später finden wir ein großes Schild dazu im Eingangsbereich der Schule und die Abrechnung aller Sponsorgelder als Spenden mit Verwendung im Schaukasten des Fördervereins. Ihr Büro habe er ihr auch neu eingerichtet, lernen wir beim Rundgang. Ein Schlem, der Böses dabei denkt. Einige aus der Gruppe finden das toll. Das Wort fällt nicht, wie man diese Menschen bezeichnet.

Wir haben das Haus für Schönheit und Gesundheit erreicht und erfreuen uns an tollen Vorspeisen, Zunge, Nachtisch, Kaffee und Tee und eilen im Neubus zum Universitätscampus, auf dem auch die Schule

Gymnasium Nummer 14 „Universität“
angesiedelt ist. „STOLZ“ berichtet uns die Schulleiterin davon, was sie aus dieser heruntergekommenen Schule in 18 Jahren geschafft hat. Sie hätten auf mehreren Olympiaden Preise erhalten, seien als  beste Schulen Russlands ausgezeichnet worden, hätten die besten Fußballmannschaften bei Jungen und Mädchen dank zweier Kunstrasenplätze, die sie das ganze Jahr bespielen könnten (Sponsor), hätten eigene Werkstätten, einen Tennisplatz (nun wissen wir endlich, wo die jungen Russinnen Tennis spielen gelernt haben), haben eine eigene Salzkammer, die dem Gesundheitsanspruch der Schule entspreche und allen Schülern offenstehe, einen eigenen Springbrunnen (wer hat das schon, auch gesponsert), eine große Turnhalle, ein eigenes Schulmuseum…da kommt schon wieder ein Fernsehteam und will Interviews, was die Organisatorin und der Stadtrat routiniert abarbeiten, ohne richtig zu erfahren, um welchen Sender es sich handelt. Ich habe aufgehört, die Zahl der sonstigen Beschäftigten zu zählen, die Ärztin, Reiniger, Videogucker, Bibliothekarin, Drucker oder was auch immer sind.

Und dann erfahren wir, dass hier Koedukation für beendet erklärt wurde. Von den Mädchen bekommen immer alle einen Abschnitt von 1 oder zwei, aber nur wenige Jungens. Also haben sie beschlossen, Jungen und Mädchen in allen Fächern getrennt zu unterrichten und stellen fest, dass die Ergebnisse der Jungen wettbewerbsfähig erden, wenngleich weiterhin hinter denen der Mädchen, und dass die Jungen mit den Mädchen respektvoller und sie „Damen“ nennen. Wir erleben eine Unterrichtsdemonstration mit anschließender Auswertung, die darauf aufbaut, dass sie Jungen mit den Augen (viel Zeichensprache), die Mädchen mit den Ohren lernen. Da alle Lehrenden weiblich sind, habe man festgestellt, dass sie ihre Aufmerksamkeit zuerst den Mädchen schenkten. Das sei nun nicht mehr so, denn die Lehrerinnen hätten gelernt, mit den Jungengruppen anders pädagogisch zu arbeiten als mit den Mädchen. Leider bin ich so müde, dass ich es nur mit Mühe schaffe wach zu bleiben und die überzeugenden Argumente nicht vortragen kann. Vielleicht waren die Mädchen in der Gruppe aufmerksamer, diejenigen, die ich fragte, leider nicht.

Zum Abschluss wurde ein Runder Tisch mit mehr als acht Lehrerinnen sowie Schülervertretern zusammengestellt, wo es aber nicht um Jungen und Mädchen ging, sondern um bilinguale Bildung. Die Schule möchte nämlich in diese Richtung gehen und hatte eine ganze Reihe Fragen. Es war eine sehr interessierte und konzentrierte Aufmerksamkeit, man merkte es richtig knistern – eine tolle Aussprache, die die Schulleiterin für beendet erklärte, als es richtig spannend wurde. Die Berliner Erfahrungen mit mehrsprachiger Bildung waren unglaublich inspirierend. Mal sehen, ob sie weitermachen wollen. Wir tauschten Geschenke aus, ich spielte meine PYP-Karten aus und alle hatten viel Spaß damit, dass die globale Welt ja nun ihre Probleme nur noch gemeinsam lösen könne und die staatlichen Bildungsverwaltungen ihr Monopol verlören. Wir waren zu dumm, wenigstens eine unserer E-Mail-Anschriften an die Tafel zu schreiben.

Nach einer Pause zum Konsum auf einem schönen Markt für Kunsthandwerk begeben wir uns zur letzten Station, dem

Russisch-Deutschen Haus,
dessen Leiter berichtet, dass die Bundesrepublik dies Haus gebaut und finanziert hat, die Stadt heute 30 Mio Rubel für den Betrieb zahlt, Deutschland zwei und er 99 Hauptamtliche beschäftigt, die Tanz, Gesang, Soziales, Lesen, Filme, Feste u.v.a. mehr organisieren.
Die abgewanderten Russlanddeutschen meinen eine Rolle zu spielen. Wir werden nicht verstehen, welche. Drei Schulleiterinnen nehmen an dem Mahl teil, auch der stellvertretende Minister kommt noch dazu und dann nehmen die Dinge ihren Lauf, denn nachdem der Hausherr seinen „Toast“ ausgebracht hat, eine Schulleiterin, der Stadtrat, der Minister und ich, erwiderte der Minister sofort, dass es ja nun keineswegs im patriotischen Interesse Russlands sei, dass die gebildeten jungen Menschen das Land verließen und die Kultur des Landes nicht weiter förderten (Ballett ließ er nicht gelten), was ja viel schneller passiere, wenn sie eine Fremdsprache gut sprechen könnten, was dafür spreche, keine bilingualen Schulen zuzulassen, was deutlich macht, warum die Russen die zweite Fremdsprache verbieten wollen, nachdem er sich ausführlich erklären ließ, wie Abschlussnoten aus eigenen Schulnoten und externen Prüfungen zusammengesetzt seien und welches – ja, ich habe es gesagt – Korruptionspotential hier frei liegt, wenn man nur die Zeitzonen Russlands betrachte, bestand er darauf, dass ja auch viele Wissenschaftler mit gebrochenem Englisch zu Weltruhm gelangt seinen, aber nur Chinesen in ihre Heimat zurückkehrten, nicht Russen, nicht Deutsche, nicht Europäer. Überhaupt seien die Amerikaner eine Ausnahme und Europa und Russland säßen im gleichen Boot, Deutschland und Russland seien nun wohl als „Blutsbrüder“ miteinander verbunden, aber die Kultur müsse man retten. Ein heißer Schlagabtausch, der einigen die Kinnlade runter gehen ließ, doch am Ende blieben der Stadtrat und die Organisatorin noch lange im Dunkeln sitzen, um das ABC der Subsidiarität zu buchstabieren. Vorher hatte unser Stadtrat noch versucht, Kant als Brückenbauer zu etablieren, was mich dazu inspirierte, dem Herr stellvertretenden Minister zum Abschluss ein T-Shirt der Kant 2059-Konferenz zu überreichen. Es gefiel mir die Frage eines sibirischen Mathelehrers ins Spiel zu bringen, denn die Schulleiterinnen sagten, er müsse beurlauben.
Prinzipiell halte er es für eine gute Idee, bilinguale Schulen in Russland zu entwickeln.

Es gibt, wie es mir scheint, noch viel zu lernen. Angeblich will es am Samstag auf dem Ausflug das Gespräch fortsetzen. Morgen Abend besuchen wir die Oper, große Oper hatten wir heute schon.

Ich danke für die heutige Begleitung durch meine unvollständigen Notizen und hoffe auf weitere Anregungen im untergehenden Abendland.

Andreas in Novosibirsk, angenehm kühl.

Dienstag, 21. Juni 2011

Novosibirsk am DIenstag, dem 21. Juni: Zweiter Tag unterwegs, tirilieren


Mein letzter Beitrag endete, als die Sonne am sibirischen Himmel aufging, doch das Programm am Tag zwei ging eine Stunde später los und die Nachttemperaturen kamen auch der 20-Grad-Grenze sehr nahe. Schlaflos in Sibirien, sagte Ulla fast zutreffend. Du musst an deinem Zeitmanagement arbeiten, sagt sie auch und hat recht. Doch hier liegt ein strenger Zeitplan mit den Behörden abgestimmt vor und meine Arbeitsmails wollen auch mal beantwortet werden, wenn man denn nun schon verbunden ist mit dem Rest der Welt. Nur die Schreibezeit, die will gefunden werden - die Lesezeit ja auch. Viele Worte!

Ein spätes Frühstück also mit angemessenem Kaffee in viel zu kleinen Tassen, so dass wenigstens hier genug Bewegung ist, was nicht schlecht ist, denn die täglichen Mahlzeiten mit Gastgebern übersteigen bei weitem das, was ich herkömmlicherweise an Nahrungsmitteln zu mir nehme. Zum Glück habe ich hier noch keine Wage gefunden…

Alle anderen hatten noch eine Stunde auf der Party ausgeharrt und waren auch nicht viel wacher als ich. Also gleiche Startbedingungen. Nach der heutigen Erfahrung pausenlos die Termine abzuarbeiten, gestattete sich die Gruppe am Ende des Tages im Hotel um 23 Uhr eine erste kritische, gemeinsame Durchsicht der morgigen Termine, konnte sich aber aus politischen Gründen am Barbarossatag den Gang zum Gedenkstein an den sibirischen Soldaten nicht streichen, doch eine Kunstausstellung wird verkürzt und zwei Stunden Mittagessen brauchen wir auch nicht. Konsum statt Kultur war die Parole, da Filzpantoffeln und Bärenstiefel auf den Einkaufszetteln stehen. Postkarten gibt es nur aus den frühen 70er Jahren, wenn man hartnäckig genug nachfragt.

11 Uhr  Progymnasium Nr. 1
13.15 Uhr Lyzeum Nr. 176
14.45 Uhr Verwaltung des Bezirks Kirow, Chef „Wiktor“
16.00 Uhr Gymnasium Nr. 7, das Sibirische
17.30 Uhr Bildungsinstitution für Kinder Nr. 494 ((Kita)
18.30 Uhr  - 20.00 Uhr Das Haus des Kinderschaffens namens Efremow (Jugendfreizeiteinrichtung oder besser Kulturpalast) mit Konzert und Essen

Außer dem ersten Termin waren wir bei allen anderen verspätet, am Ende mehr als eine Stunde; zurück waren wir ja dann erst gegen 23.00 Uhr. Das Erstaunliche: Keiner hat Hektik gemacht, außer die eine oder andere in der Gruppe, ohne allerdings die anderen anzustecken. Keine Einrichtung verlor ein einziges Wort darüber, dass ausgerechnet die Deutschen nicht pünktlich kamen. Diese Gelassenheit oder Ruhe oder wie soll man es nennen, ist schon mehr als bemerkenswert. Die umso mehr, als wir bei unseren beiden abschließenden Terminen jeweils von größeren Gruppen von Kindern und Jugendlichen mit anspruchsvollen Kulturbeiträgen verwöhnt wurden und alle warten mussten. Hätten unsere Eltern aus unseren Einrichtungen die Ruhe behalten? Schwer zu glauben. Doch die Anwesenheit dieser „Delegation“ hat sich offensichtlich in der Stadt herumgesprochen. Gleich beim ersten Termin erwartete uns ein Team der Hauptnachrichtensendung des ersten russischen Fernsehens und filmte die Begrüßung, die Gesprächsrunde und interviewte die Organisatorin mit dem Stadtrat.

Wir fuhren also auf die andere Seite des Don, an dessen Uferstrand sich Sonnenbadende erholten. Unser Fahrer hatte heute keine Chance, seine eigenen Wege zu fahren, denn wir setzten ihn einen Ortskundigen auf den Beifahrersitz und vertrauten nicht mehr auf Wegbeschreibungen, wie akkurat sie auch waren. Bislang fuhr er immer falsch in seiner eigenen Stadt, umkreiste das Hotel in großem Bogen und geriet in Staus, die nicht unserer Richtung entsprachen, was selbst wir Ortsunkundigen verfolgen konnten. Ganz offensichtlich liegt hier eine der seltenen Orientierungsschwächen vor, die dem Beruf eines Fahrers selten lange seinen Job sichern. Doch sei´s drum. Wir hatten Vorsorge getroffen und gelernt. Diesen Speziellen Förderbedarf wollten wir nicht weiter bearbeiten.

Das ausgedruckte Programm auf Deutsch und auf Englisch im Progymnasium Nummer eins wurde ja gleich durch die Anwesenheit der Fernsehfritzen erschüttert und aufgewertet, war doch wohl aus diesem Grunde gleich die erste Öffentlichkeitsarbeiterin der Stadt angereist, die privat zufällig ihre beiden Söhne bei Irina Kurilowa (so heißt die Leiterin) in der Kita hat. Die Mitarbeiterinnen der Einrichtung waren in traditionellen Dirndl-ähnlichen Volksdeutschen Kleidern angetreten. Nur die Leiterin blieb zivil und hatte auch keine Haare, die zum Zopf gereicht hätten. Das kam später auf uns zu.

Irina selbst hat großes Interesse am Austausch, Besuch, an Zusammenarbeit. Sie erzählte mir später, denn sie begleitete uns noch auf weiteren Stationen, dass sie die letzte Russlanddeutsche ihrer Familie sei. Alle anderen wären bereits weg.

Neben einer wissenschaftlichen Leiterin der örtlichen Universität, Klaus (Sewing, der von gestern) aus Lübbecke mit seiner Frau Sabine, die Vorsitzende des Verwaltungsrats sowie Jewgenija Aleksandrowna Zajkowa als Direktorin der Gesellschaft „Breitenarbeit“, die für die GIZ (früher GTZ) arbeitet. Hier öffnete sich sogleich ein Sprachfenster, denn diese Kita für Kinder von 2 – 6 Jahren, hat ein spezielles Deutschförderprogramm, welches auch von der GIZ finanziert wird, um Russlanddeutsche in Sibirien zu halten.(Damals sollen es 46.000 gewesen sein, die Hälfte davon in Novosibirsk.) Dazu bedarf es einer Quote von 50% der Kinder, seitdem das Programm 1994 als internationales Abkommen zwischen Deutschland und Russland verabschiedet wurde und nun die Rechtsgrundlage darstellt.

Da mittlerweile aber die meisten Russlanddeutschen im „Kernland“ sind, senkte man die Quote, um das Programm nicht sterben zu lassen und bedient die „deutschwilligen“ sibirischen Familien mit einem bilingualen Programm, die zu Haue nie ein deutsches Wort bewusst gesprochen haben. Sie lernen über die vier als deutsch identifizierten Feste (Ostern, Weihnachten, St. Martin und Fasching), was es heißt deutsche Kultur und Sprache fern des Mutterlandes zu zelebrieren. Die Sprachvorbilder sind naturgegeben des Hochdeutschen nicht wirklich mächtig, bemühen sich aber rührend darum, eine altertümlich erscheinende Sprache zum Leben zu erwecken oder am Leben zu halten: Die Vögel zwitschern und tirilieren…jetzt noch singen, bitte! Und dann spielt hier das Wort vom „Dialog der Kulturen“ eine große Rolle, die unter den gegebenen Bedingungen herausfordernde Dimensionen erahnen lässt. (Mir dämmert die Beharrlichkeit von Irina nach Austausch…).

Folgerichtig ist die Elternarbeit von besonderer Bedeutung. Bei den verschiedenen Förderungen finanzieller Natur braucht es auch politische Arbeit zur Absicherung. So war denn auch eine Abgeordnete anwesend, deren Kind hier auch lernt. „Sprchsommer“ und „Sonntagsschule“ ergänzen das Programm.

Voller Stolz wurden wir in den Musikraum gebeten. Dort folgten 8 Fünfjaährige, die noch nicht in die Sommerferien verschwunden waren, den Anweisungen ihrer Lehrerin, sangen alte Lieder erkannten Äpfel, Birnen, Beeren und Blumen, sangen vom blauen Himmel und den Vögeln, die ….Sie tanzten das dann noch vor, ich nahm eine Tonprobe, bevor alle Anwesenden Erwachsenen in den Reihentanz mit einbezogen wurden. All dies wurde gefilmt und wird sicher bald im Netz zu finden sein. Was soll man sagen? Selbst ein Smart Board kam zum Einsatz, um in Zeichen- und Symbolsprache den Kindern ganze Sätze beizubringen. Wirklich vielseitig. Die Bilder der trachtenähnlich gekleideten Kinder kann sich jeder im Kopf machen…die wirklichen kommen später.

176. Schule, Lyzeum

Geografie, Physik und Informatik sind die Schwerpunkte, die dieses frühere Gymnasium 1997 zum Lyzeum machten. Auch im Tanzen, im Ballett und im Wehrsport(!) hat sich die Schule Meriten verdient. 617 Schülerinnen und Schüler werden von annähernd 50 Lehrerinnen unterrichtet, hinzu kommen Sozialarbeiter, Ärzte, einen Psychologen, ein Zahnarzt, eine Physiotherapeutin, die von Elektroschocktherapie zu reden beginnt, wenn Kinder nicht schlafen könne, bei ihr schläft jeder, vier Videoüberwacher, und und und.
Der gute Ruf und die guten Leistungen auch in „Olympiaden“ haben zu einem Verzicht der technischen Universität für die Absolventen geführt. 93% studieren dort.
Wir lernen wieder, was ein Lehrer verdient, 10 – 18.000 Rubel; eine Ein-Zimmer-Wohnung am Stadtrand kostet 10.000 Rubel. Kein Wunder, dass unsere 25-jährige Lehrerin, die als Übersetzerin ein Zubrot für diese Ferienarbeit erhält, noch zu Hause wohnt.

Mittagessen in der Schulmensa, ausgesucht gute Spezialitäten.

Wiktor, Bezirk Kirow

Er streitet das aufziehende Matriarchat glattweg ab, erklärt die guten Leistungen der Schülerinnen damit, dass 55% der Schüler weiblich sind in Novosibirsk. Die fehlenden Männer in den Schulen und Kitas erklärt er mit der schlechten Bezahlung, erinnert sich jedoch auf Nachfrage, dass dies in der SSU auch nicht anders war. Seine rechte Hand, eine Frau, hat die Erklärung parat: „Unsere Schulen und Kitas sind voll verantwortlich für alle Kinder und Jugendlichen. Es gibt kein Sitzenbleiben und keinen Rauschmiss. Diese volle Verantwortung für Menschen können nur Frauen tragen. Männer sind lieber Chefs.“ Wiktor, so sollen wir ihn nenne, freut sich. Hat er verstanden?

Kirow ist eines von zehn Bezirken, eines der beiden links des Ob, Die Wiege, wie er sagt, der jüngste Bezirk, viel Industrie („Schlafindustrie“), weil im Wohngebiet gelegen, ähnliche Geburtenentwicklung wie in Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf: Erst kaum Kinder, Schließung vieler Kindereinrichtungen, Verkleinerung der Schulen auf einen Zug, nun händeringend suchend nach neuen Einrichtungen und Gebäuden. Unsere beiden Verwaltungsverantwortlichen ziehen die direkte Linie zwischen ihren Bezirken und Novosibirsk. Zum Abschluss erhalten wir als Belohnung für den freundschaftlichen Austausch ein Buch über 40 Jahre Kirow, fester Einband, 189 Seiten, farbig, 1000 Rubel im Verkauf. Viel Maschinenbauindustrie, ein wenig Atom. 50qkm groß, heute 170.000 Einwohner. Seit Mitte der 90er Jahre verlor der Bezirk 1000 Schüler pro Jahr, umgerechnet eine Schule. Aktuell wächst die Wirtschaft Novosibirsks um 7%, die Geburtenrate auch: Produktivität und Reproduktion.

Wiktor verwaltet 66 Bildungseinrichtungen, der Bezirk gibt 79% seines Budgets für Bildung aus, dagegen hat Lichtenberg bei einem Budget von € 400 Mio. € 80 Mio. für Kitas aufzubringen, aber nur 10.000 Kitaplätze in 80 Einrichtungen, 3.000 Plätze fehlen. In Novosibirsk erhält eine erfahrene Erzieherin 14.000 Rubel (knapp € 360), Berufsanfänger 8000 Rubel; der Kita-Sachkostenaufwand wird mit 7.000 Rubel angegeben, für Schulen mit 18.100.

Es hat geregnet, wir sind ein wenig abgekühlt, abgekommen von bilingualer Bildung und den Segnungen des Sowjetreiches, doch das Gruppenfoto am Ende dar diesmal nicht fehlen. Wiktor freut sich. Über seinem Schreibtisch hängt nur sein Präsident Medvedjev, andere sind sich da nicht so sicher und haben Putin gleich daneben.

SIBIRISCHES Gymnasium Nummer 7

Seit 1975 lernen hier Kinder, heute 1.084 in zwei Schichten, auch samstags, bei 75 Lehrkräften. Ich frage nicht mehr nach Vollzeit, das hat sich erledigt nach dem Zusammenhang mit der Entlohnung. Literatur, Geschichte, Deutsch und Englisch
Werden uns hier als Schwerpunkte genannt als wir die Gänge begehen und feststellen, dass auch hier doppelt verglaste Fenster gerade eingebaut wurden, ansonsten die Gebäude seit der Errichtung keine Außenrenovierung mehr gesehen haben, nur drinnen hat man mit Farbe nicht gekleckert: Die Nasen laufen überall, wo früher Holz war, ….Ich möge jetzt bitte icht mit energetischer Sanierung kommen, sagt ein Kollege. Das Wort gibt es hier noch nicht.

Die Zahnärztin, die vier Ärzte, die Physio („Sie sehen wie Alberich aus“, sagen zwei aus unserer Gruppe zu der Kleinwüchsigen mit Stöckelschuhen), alle sind sie noch im Keller (von Ärztemangel keine Spur, und zeigen sich enttäuscht, weil wir wirklich nicht mehr viele Fragen für all diese Leute haben. Wir fallen vom Glauben ab, als uns die Schulleiterin erzählt, wie modern die ICT-Ausstattung ist, so dass jeder kranke Schüler zu Hause unterrichtet wird und wenn er keinen Computer hat, bekommt er ihn von der Schule geliehen, auch wenn er keinen Internetanschluss hat, in der Freistunde, immerhin hätten sie zwei Computerkabinette und jeweils einen technisch Verantwortlichen…Aber eine Lernplattform haben sie nicht, sie arbeiten mit Skype. Die Russen in unseren Reihen fühlen sich in Sowjetzeiten zurückversetzt und würden sich das gerne zeigen lassen wie das praktisch läuft, doch leider geht das nicht, es sind ja keine Schüler da…

Überall werden wir verpflegt, beköstigt. Der abschließende Geschenkeaustausch ist jeweils der kulturelle Höhepunkt. Ich kann es nicht lassen, meine Pins zu verteilen. Man freut sich meist sehr.

Bei all dem müssen über 6 Kinder und einige als Eltern verkleidete Lehrer im modernen Veranstaltungsraum warten, bis die Gäste endlich eintreffen. Die Schulleiterin stimmt alle ein, Kinder betreten die Bühne, Mädchen tanzen mit Trachtenglockenröckchen und Zöpfen zu deutscher Kultur, ein Junge spricht gebrochen das Gedicht vom Weg zur Schule, ein Vierzeiler, dann noch ein Tanz, die Kulturbeiträge sind enorm auf dieser Reise; einer unser russisch-asiatisch-stämmigen Begleiter ließ sich am Vorabend zu dem Satz hinreißen: Hoffentlich singen und tanzen sie jetzt nicht noch weiter: Russisch, echt russisch! Tolle Kostüme, sehr gute Bühnenpräsenz, gute Rhythmusgefühle, sehr musikalisch, guter Ausdruck. (Weniger Jungen als Mädchen).

Wir werden einzeln vorgestellt, ein Tisch ist wie zu einer Pressekonferenz aufgebaut, Schülerinnen und Schüler dürfen Fragen in deutscher oder russischer Sprache stellen. Wir wechseln uns ab mit den Antworten, finden kaum den Ton für Kinder, doch alle sind sehr geduldig und gutmütig. Nach einer Stunde endet diese Sommerferienveranstaltung. Alle Bilder sind im Kasten!

Die Sibirische ist eine Schule mit Anspruch. Ihre Leiterin begleitet uns weiter.

Bildungsinstitution für Kinder Nr. 494

Wie sind spät dran, wie gesagt. Trotzdem werden wir ausnehmend freundlich im russischen  Trachtenkleid (blau, man weiß nicht, warum, ist jetzt auch egal) von jungen Frauen mit Brot und Salz begrüßt und dürfen uns umsehen. Ein Deutschprogramm gibt es hier nicht, aber Russlands beste Erzieherin arbeitet hier. Wir treffen sie. Von mir erhält sie einen Berlinplan und einen „Ich bin ein Berliner“-Anstecker. Sie ist gerührt. Ich auch, aber auch schon ziemlich müde.

275 Kinder werden in 11 Gruppen von zwei Erzieherinnen betreut und gebildet. Auch hier wird es zwei Stunden Mittagsruhe geben. Das hatten wir früher erlebt. Zwei Erzieherinnen teilen sich die Gruppe, die eine hat sie von 7 – 13 Uhr, die andere von 13 – 19 Uhr. Die Kitakolleginnen sind irritiert ob der Klarstellung nach der Nachfrage. Ja, 25 Kinder in einer Gruppe – wegen der großen Nachfrage. Sie müssen halt den Bedarf decken! Dafür gibt es ein eigenes Schwimmbecken mit 28 Grad Wassertemperatur (kein Problem, auch im Winter nicht), das Wasser wird nicht gechlort, aber täglich gewechselt, ein kleines russisches Zimmer wie ein Museum, alles Holz, ein  botanischer Garten und viele kleine Vögel versorgt vom eigenen Gärtner, eine eigene Logopädin, …

Haus des Kinderschaffens oder Kreastivhaus oder besser: Kulturpalast

Es ist 19.40 Uhr bei der Ankunft. Ich kämpfe gerade noch mit einer SMS an Susanne Vieth-Entus, die Ulla grüßen lässt, bin also wenig konzentriert auf die neuen Gastgeber und habe das Programm nicht im Kopf, wasche mir noch einmal den Schweiß in der Toilette ab und folge den anderen in einen großen Saal, erwische zum Glück einen richtigen Sitzplatz. Der Saal fasst bestimmt 500 Menschen, der Tonmeister sitzt am Mischpult, die Beleuchter sind am Platz, die Chefin begrüßt uns auf der Bühne mit einem Mikrophon.

Die Leiterin dieser Jugendfeizeitstätte (Jahrgang 52) führt einen Marmorpalast für kulturelle Höchstleistungen, der eher eine Musik- und Theaterhochschule gleicht, als dass man irgendwelche persönlichen Spuren der Jungkulturschaffenden irgendwo ausmachen kann jenseits der gerahmten Urkunden, Pokale, Plakate, Fotos und Kunstwerke. Sie hat 99 Mitarbeiter, die jegliche Kultur anbieten: Malerei, Tanz, Gesang, Kosaken, Ballett, Musikinstrumente, …Sie arbeiten semiprofessionell, sind von Profis kaum zu unterscheiden und gehen auch auf Tournee für ihr Land in Japan, China, Italien, … Botschafter ihre Landes, hochkonzentriert, ohne Bezahlung, diszipliniert, tolles Programm. Der eine oder die andere kämpft bisweilen mit der Müdigkeit. Eine Stunde. Nur für uns! Was für eine Behandlung.

Zum Essen werden wir mit Wasser und Vodka bewirtet, ich frage, wie man Mathelehrer bei Ihnen mit guten Deutschkenntnissen findet; die Schulleiterinnen schlagen den Weg über den Minister vor, den stellvertretenden, den wir schon getroffen haben und der morgen Abend im Deutsch-Russischen Haus sein soll. Mal sehen.

Es hat sich abgekühlt. Der Wecker ist gestellt. SO viele Worte, so viele Stationen, so weit weg, keine Nachrichten aus der Welt, nur Sibirien. Vier Uhr. Danke für die Begleitung allen bis hierhin Lesenden.

Andreas schlaflos in Sibirien? Nicht ganz. Gute Nacht. Guten Tag!