Montag, 20. Juni 2011

Novosibirsk am Montag, 20. Juni 2011: Erste Begegnungen


Die Nacht brachte wenig Gelegenheit zum Schlafen, die Kühlungsanlage nahm keinen Strom an, das Rollo stellte auf halbem Wege die Arbeit ein und die Temperaturen näherten sich nur ganz allmählich der 20 Grad-Marke. Parallel dazu – offenes Fenster war Pflicht bei den Innentemperaturen – entwickelte sich ein abwechslungsreiches Akustikmusterdesign aus Automotoren, singenden Menschen, anrückenden Müllfahrzeugen und Eisenbahnzügen, die ähnlich unleise sind wie die Rollschuhe, welche noch vor den Gummireifen mit Stahlrädern die Straßen bevölkerten, dann aber eher tagsüber. Insofern war der Wecke wenig nötig und die Dusche noch erfrischender als sonst, der Kaffee in kleinen Tassen anregend genug, um auf Betriebstemperatur zu kommen…früher Frühstück, denn erst um 9.30 Uhr sollte es losgehen.

Kühlung im Zimmer, die im Moment hier funktioniert, kommt nur noch zwei Mitreisenden zugute, die auch in der 5. Etage untergebracht sind. Hier wurde modernisiert, bis zur 12. Etage, wo alle anderen wohnen, ist man noch nicht vorgedrungen. Dafür haben Sie oben eine bessere Aussicht, wenn sie nicht schlafen können. Die beiden anderen 5.Etagen-Besucher hatten Ihre Klimaanlage in Gang bekommen, erschienen jedoch zum Frühstück durchgefroren. So wird es denn wieder wahr, was man hier zum Wetter sagt: Immer extrem, kein goldener Mittelweg, man träumt nicht einmal davon.

Ursprünglich standen heute vier Besuche auf dem Programm, doch die vier lokalen Bildungsverwaltungen hatten offensichtlich erfolgreich protestiert  und jeweils einen eigenen Delegationstermin erzwungen, den ersten für heute. Das Mittagessen um 13 Uhr in der Kantine der Gebiets-Volksvertretung war der am wenigsten formale, aber gut schmeckende Termin, insbesondere die Vorspeisen, im VIP-Bereich der Abgeordneten, die alle schon in der Sommerpause sind.

  1. Treffen mit der Schulleitung und Koordinatoren des Gymnasiums Nr. 1, 10 – 12 Uhr
  2. Spaziergang entlang dem Krasnyj Prospekt (mit einem Riesen Lenin nebst Genossen, ganz unverbrüchlich an der Sowjetischen Straße – es gibt ihn noch! Nix Goodbye…)
  3. Empfang durch den stellvertretenden Bildungsminister der Gebietsverwaltung Novosibirsk, 12 – 13 Uhr
  4. Besuch des Generalkonsulats, 4 Personen, Novosibirsk der Bundesrepublik Deutschland, 14.30 – 16.00 Uhr
  5. Treffen in der Verwaltung des Zentralbezirks Novosibirsk (wir würden sagen Bezirk Mitte), vier Personen, 16 – 17.00 Uhr – dies macht die zweistündige Pause ein wenig kleiner.
  6. Feierliche Übergabe der Zeugnisse an die Absolventen Gymnasium Nummer 1 mit Reden und Festkonzert

Schule ist schon aus, Sommerferien,  nur noch einzelne Nachzügler lassen sich auf Nachprüfungen vorbereiten und weil ja in Russland der Ruf einer Schule so viel mehr zählt als fast alles andere, ist das ein Muss. Man stritt sich sanft über die Frage, ob denn an dem angesehenen Gymnasium Nummer eins überhaupt Nachprüfungen fällig sein können, doch es war wohl so. Freitag war der letzte Schultag, heute Abend feierlicher Ausklang für und mit den Absolventen nach 11 Jahren Schule. Acht Mitarbeiterinnen, darunter ein Mann – in Russland ist der Lehrer zu 97% weiblich, also Lehrerinnen, lernte ich heute, ohne das prüfen zu können – begrüßten uns freundlich und interessiert, zeigten uns die schulische Baustelle, die seit Sonnabend, also in den Ferien umgebaut wird (wir hatten gelernt, dass das Geld hierfür bei den Elternabenden eingesammelt wird, weil die Stadt kaum was übrig hat),überall abgeschlagene Kacheln, viel Arbeit an vielen Stellen. Die 1200 Schülerinnen und Schüler in den Klassen 1 – 11 werden von 99 Vollzeitlehrkräften unterrichtet, deren Vollzeitverpflichtung bei 18 Stunden liegt, was zu einem Lohn von € 250 Euro reicht und weil das zum Leben meist zu wenig ist, arbeiten die meisten Lehrerinnen 25- 28 Unterrichtsstunden und bessern sich so ihr Gehalt auf oder sie arbeiten in privaten Nachhilfe- oder Spracheinrichtungen. Des Weiteren bessern die Lehrerinnen ihre Bezüge auf, indem sie an Wettbewerben teilnehmen, Material und Zeit gewinnen und so besser über die Runden kommen. Die Schule bietet auch ein intensives Deutschprogramm an, welches vom ZFA finanziert wird. Dazu später mehr. Weil die Schule so einen guten Ruf hat, muss der Schulleiter bis zu 35 Kinder in einer Klasse aufnehmen. Weil die Räume nicht reichen, wird in Schichten unterrichtet, also einige Klassen nur nachmittags. Alle Klassen spielen Theater, verpflichtend bis zur Klasse 5, dann als Wahlbereich. Die Schule hat ein eigenes Auditorium mit 180 Plätzen im Amphitheaterstil und professioneller Bühnenausstattung, wo alle Klassen ihre kompletten Theaterstücke aufführen. Hierzu gibt es einen Pool von Regisseuren aus 28 verschiedenen Kollektiven, die über das Schuljahr mit den Klassen arbeiten. Andere Künstler helfen bei der Erstellung semi-professioneller Plakate, andere bereiten die Konzerte mit vor. Sehr beeindruckend. Weil Arbeit wenig kostet, finden sich im Kollegium weitere 30 oder 40 – so genau habe ich das mir nicht gemerkt – die Buchhaltung, Küche, Reinigung, Videoüberwachung (7 Tage die Woche, 24 Stunden am Tag, jeweils mit zwei Personen besetzt), als Arzt, Psychologe und Sozialarbeiter.  Der Elternrat war auch durch eine Frau vertreten und ließ wissen, dass alle Eltern Mitglied zu sein haben, mindestens 250 Rubel im Jahr zahlen, Premium-Mitgliedschaft beginnt bei € 250 in Jahr. Sie beschaffen Bücher, Computer, Smart Boards, …und organisieren das Abi-Fest, welches gerade in einem großen Kinosaal verlassen habe – man will noch bis 6 Uhr durchmachen, mir war es zu laut und eine Chance auf meine Notizen habe ich nur jetzt, dann ist wieder alles weg, weil Neues wartet…

Das Deutschprogramm, das Klaus aus Lübbecke jetzt drei Jahre an dieser Schule gefahren ist, nachmittags, freiwillig, ohne Noten „weil Noten sowieso nichts mehr bringen, eine neue Erfahrung, geht auch“, hat acht Schülerinnen mit dem Schulabschluss zum DSD (Duetschen Sprach Diplom) geführt, was bei Stufe zwei zum Studieren in Deutschland berechtigt. Das Bundesverwaltungsamt in Köln betreut mit seinem ZFA (Zentralstelle für das Auslandsschulwesen) 2000 Lehrkräfte an 1000 Schulen, davon 140 Auslandsschulen. Der eventuell mitreisende Ehepartner darf nicht im selben Programm arbeiten, so kümmerte sich die Frau von Klaus drei Jahre um die jetzt sieben und zehn jährigen Kinder und half beim Weihnachtsbazar. Nun verlängern sie nicht, die Frau will auch wieder arbeiten. Klaus wurde wortreich und herzlich mit Urkunde und Medaille verabschiedet, muss die Abifeier noch bis zum Ende (6 Uhr) besuchen und wanderte mit mir aus Sicherheitsgründen zum Hotel, da alle anderen sich noch weiter den anregenden Bässen der Party aussetzen wollten. Die Menschen haben, so lernte ich, ein wenig Angst um die Sicherheit ihrer Gäste – und anderes als Russisch kann kaum jemand (Es waren 120 Abiturienten, die heute verabschiedet wurden, acht mit einer zusätzlichen Sprachprüfung in Deutsch, keine weitere Fremdsprache nach Englisch.)

Im deutschen Generalkonsulat lernten wir nicht nur, dass kein anderes ein so großes Gebiet betreut wie sie (vom Ural ganz rüber bis an den Pazifik und die chinesische Grenze, einschließlich Usbekistan, Kasastan ?) und natürlich unterbesetzt sind, zumal alle Deutschen einen Anspruch haben auf Hilfe: wenn das Fahrrad nicht mehr will, der Bär unfeundlich auf die Jadgabsichten deutscher Staatsbüger reagiert oder nur der Pass weg ist, ein Skiunfall passiert oder jemand im Knast oder im Arbeitslager landet und einen Anspruch auf einen Besuch im Jahr hat, was niemand ablehnt. Alles kostenpflichtig, nur die Gefangenenbesuche nicht. Und weil Novosibirsk nicht zu den von Bundesbeamten oder Landesbeamten bevorzugten Zielen gehört wie Madrid oder London, gibt es hier mehr Geld als anderswo. Das gilt auch für die Lehrer. London ist 1, Kabul 17 (höchste Stufe, Novosibirsk, glaube ich 15).

 Die ZFA-Stellen kosten die Schulen also nix, Deutschland will so die deutsche Sprache im Ausland am Leben halten, was auch in Russland schwierig ist, da mit einem massiven Einbruch zu rechnen ist, denn die gegenwärtig 2,3 Mio. Deutsch lernenden russischen Schüler werden kaum noch Deutsch lernen, da nach Änderung des zentralen Schulrechts eine zweite Fremdsprache nicht mehr verlangt wird und als erste Fremdsprache fast immer Englisch gewählt wird, wenngleich der Fremdsprachenunterricht quantitativ mit zwei Stunden und drei Jahren hinter den beiden Hauptfächern Russisch und Mathe sowie den Naturwissen- und Sozialwissenschaften als vorletztes Nebenfach zurücksteht. Dazu kommt, dass es den Schulen sehr schwer fällt, fachlich guten Fremdsprachenunterricht anzubieten, denn es gibt kaum Lehrer. So gewinnen private Fremdsprachenschulen, weil viele Eltern erfahren wie armselig der Sprachunterricht an Schulen ist.

Nun plant die ZFA mit dem Konsulat für den Herbst eine Kampagne für die Wiedereinführung der zweiten Fremdsprache und hofft auf diese Weise, den absehbaren Rückgang abmildern zu können. 3 Goetheinstitute, nach Moskau und St. Petersburg seit 2009 auch Novosibirsk, wo doch sonst Goetheinstitute geschlossen werden…???, 16 Lesesäle in diesen Städten und anderen und 60 Sprachlernzentren, die die DSD abnehmen oder darauf vorbereiten. Neu kümmert man sich nun um Kindergartenprojekte in einem Umfang von 20 Minuten pro Woche (!!!) – immerhin, kann man sagen, doch Konzepte von bilingualer Bildung sind noch nicht ganz vorgedrungen in die Stuben derer, die hier verwalten, umso größer war Interesse an Austausch, Koorperation, Unterstützung von Lehrerprogrammen, wenn beispielsweise russische Deutschlehrer nach Deutschland wollen: Für einen Monat, ein halbes Jahr…schöner Gedanke, den Irina gleich beim Abendessen aufgriff.

Als es also gerade spannend wurde im deutschen Generalkonsulat, welches 1995 wieder eröffnet wurde, nachdem der Vorgänger nur von 1923 bis 1937 (!) ausgehalten hatte, da „das Klima unfreundlich wurde“, trieb uns Klaus weiter zu dem Zusatztermin im Zentrum, wo uns drei mittelmäßig motivierte Beamte wissen ließen, dass die Vorurteile gegen Sibirien, von denen ich zu berichten wusste (Bären, Gold, Öl, Gas, Diamanten, Gulags) auch von den Russen von hier aus jenseits des Ural gepflegt werden. Unser Hotel hat übrigens zwei Namen: Auf dem Dach steht Sibirien, am Eingang heißt es Asien!

Im Rahmen der Vorgaben verwalte man 38 Bildungseinrichtungen, davon 13 Schulen und 18 Kitas ab zwei Jahre. Im ganzen Gebiet Novosibirsk fehlen heute 30.000 Kitaplätze, denn den Ex-DDR-Geburteneinbruch hat es auch im neu entstandenen Russland gegeben ((wenngleich man hier von sehr viel Sowjetunion spürt, sieht und riecht). Die Jungens pirschten sich dann doch an das heiße Eisen Migration heran, ganz geschickt, mit einem Merkel-Zitat. Was habe die Kanzlerin (hört, hört, selbst in Sibirien wird Angela gehört!) denn eigentlich gemeint, als sie sagte, Multi Kulti sei gescheitert? Warum Kant denn nicht Deutsch-Türkisch mache statt Deutsch – Englisch??? Da war sie die Frage: Was sollen wir denn blos mit all den Wirtschaftsflüchtlingen aus den asiatischen Nachbarländern machen, deren Kultur wir nicht verstehen, deren Sprache wir nicht sprechen, deren Religion wir nicht kennen, die sich weigern, ihren Kindern zuerst Russisch beizubringen. Unser Lichtenberger Stadtrat versuchte es mit Gesine Lötsch, Frau Dr. B. begann behutsam mit den Eltern und der Kunst der Zweisprachigkeit bei Respektierung der MUTTERSPRACHE, was Russen gut finden, wenn dies Russisch ist. Dass unsere Internationale auch von Russen besucht wird und zur Hälfte für die Durchreisenden geschaffen wurde, blieb diplomatisch unkommentiert.

In der Tat warten ja ein oder zwei Hundert Millionen Chinesen unweit der russischen Grenze auf Entwicklung, reisen dahin, wo es Arbeit gibt oder geben kann, z.B. sind alle Handwerker im Gymnasium Nummer eins, die da so fleißig seit dem Wochenende Kacheln abgeschlagen haben Asiaten, also keine (europäischen Russen), sind unauffällig und leise, legal oder illegal ein und machen keinen Ärger, und stehen vielleicht drei Millionen Russen in Sibirien gegenüber, wenn es hoch kommt. Das es hier auf absehbare Zeit kein Halten mehr geben wird, kann man sich an zwei Fingern abzählen. Also rätselt die lokale Bildungsverwaltung darüber, was Angela ihnen wohl sagen wollte…“Kommen Sie in fünf Jahren wieder“, entglitt es einem der Beamten unvermittelt. „Dann werden sie unsere russisch-chinesischen Schulen kennenlernen.“ Vierzig Minuten waren genug für diese Anregung.

Kurze Pause zum Verschnaufen und Umziehen, bevor der Gang zum Abendessen in einem Restaurant namens „Es war einmal…“ angetreten wurde, eben jener Ort, wo sich die Reste deutscher Menschen einmal im Monat zum Stammtisch treffen, Gestrandete und hier Arbeitende, mal 10, mal 20 Menschen, die sich in Deutschland nicht an einen Tisch setzten.

Der Weg zur Abifeier war nicht weit. An der Kreuzung Straße der Sowjetunion und Straße des Kommunismus merkten wir, dass wir am Kino bereits vorbeigelaufen waren. Doch es ging erst um 21 Uhr los. Wir hatten Plätze in der zweiten Reihe, ein Kino für 1.125 Menschen, knapp halb gefüllt. Wir waren ja alle feierlich angezogen, was sich als richtig erwies, denn 90% der Gäste waren heute beim Friseur gewesen und alle Absolventen hatten neue Schuhe und neue Kleidung. Um es kurz zu machen, denn es ist spät geworden, die Riesenbühne mit Riesenlautsprechern und vielen Mikros hielt Reden, Tänze und Gesang von Schülerinnen und Schülern, Eltern und Lehrern für dreieinhalb Stunden aus, nicht ohne dass eine Menge Urkunden und Medaillen verliehen wurden, auch das deutsche Generalkonsulat durfte Grüße des Außenministers überbringen und als alles gesagt war, legten die Schüler erst richtig los, denn sie hatten ja seit dem ersten Schuljahr geübt, auf der Bühne zu stehen und vorzutragen, ungewöhnlich vielfältig von Summer time bis YMCA, aber auch richtig traurige russische Lieder und lustige Tänze. Und siehe da, die Menschen nahmen es hin, machten mit, ließen es über sich ergehen, waren unglaublich geduldig, obwohl doch danach erst Essen und Trinken und Disco-Tanz auf sie wartete, all das – man höre und staune – organisiert vom Elternrat, der am Ende oben am Geländer stand und den animiert tanzenden Jugendlichen zuschauten.

Ach ja, mit sieben beginnt die erste Klasse, nach der 11. Klasse erreicht man die Hochschulzugangsberechtigung, also nicht zwölf Jahre bis zum Abitur, sondern nur elf, nein, bis vor wenigen Jahren waren es in Wirklichkeit nur zehn Jahre, denn die vierte Klasse übersprang ein jeder…

Ein wenig Nacht bleibt noch nasch so vielen Eindrücken im nahen Sibirien. Die meisten Deutschstämmigen sind übrigens längst in Lübbecke, Ostwestfahlen-Lippe und anderswo, wo jetzt wieder Russisch als Fremdsprache angeboten wird, von Klaus und seiner Frau und anderen…Wie werden uns als Gruppe nun bald in die Haare kriegen, denn nach diesem Mammuth-Auftakt wird sich Langeweile breitmachen, wenn es nur noch drei oder vier Termine geben wird. Mal sehen. Nein, morgen, Dienstag, noch nicht: Da stehen sechs Termine an.

Andreas sagt erst mal „Gute Nacht, Sibirien“
                                                                                                                      

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