Bevor eine 26-stündige Rückreise uns erwartete, hatten wir noch die Gelegenheit zum Besuch zweier eindrucksvoller Einrichtungen. Vertreter einer Schule mit einem Forschernamen sowie fünf Vertreter eines Verbandes namens SIEEESP.
Unser Ortskundiger hatte uns umsichtiger Weise zwei Google-Maps-Ausdrucke zur Verfügung gestellt, wohl wissend, dass nicht jede Taxi fahrende Person Straßennamen und Zugang zu unserem Ziel kennt. Das war weise. Doch ob des weiten Weges hatte uns unser Geschäftsführer am langsamen Sonntag U- und S-Bahnverbindung bis etwa 2 km vor unserm Zielort herausgesucht, mit Abfahrtzeiten, Bahnhof und Endbahnhof. Die fehlende Liniennummer ergänzten wir dann selbst auf dem Weg. Die Sieben hatten sich auf drei reduziert. Alle nicht rauchenden Gruppenteilnehmer wussten sich ob gesundheitlicher Beeinträchtigungen oder Selbsteinschätzung der Kondition ob der bevorstehenden Reise oder abschließender Besorgungen der Einteilung Ihrer Kräfte folgend lieber selbst befreit vom morgendlichen Ausflug. (Das katholische Land ist mittlerweile seinen Vorbildern Portugal, Italien, Irland und Polen gefolgt und verkleinert die Raucherzonen systematisch auf ein Minimum. Selbst in freien stehende Cafétische unter einer Balustrade gehören zum Sperrgebiet.)
Pünktlich marschierten wir mit unserer Geschenketasche zum naheliegenden U-Bahnhof Polista, den wir in den vergangenen Tagen ob seiner unglaublichen, baulichen Großzügigkeit schätzen gelernt hatten. Bereits auf dem Weg dorthin fanden wir kaum Platz auf dem Bürgersteig, so viele Leute kamen uns in verschiedener Kleidung, oft Business like, entgegen. Kein Lächeln, keine rhythmischen Bewegungen, kein Samba in der Luft, nur der starre Blick nach vorne, der Arbeit entgegen. Alles freundlich Lebendige war aus den Gesichtern gewichen, der montägliche Weg zur Arbeit glich einem Weg in die Zwangsarbeit. Halb acht. Ganz schön früh. Doch Sao Paulo muss ja brummen...
Der Eindruck einer ferngesteuerten Masse von nur scheinbar unabhängigen Individuen verstärkte sich mit dem Eintritt in den U-Bahnhof, der gar nicht mehr großzügig aussah, sondern voll von zähbreiingen Massen sich auf- und abwärts bewegender Menschen, auf Rolltreppen, in zügigem Tempo - immer vorwärts, ohne einen Blick zur Seite. Wir wurden Teil dieser Bewegung, doch ein einzelner Brasilianer bemerkte offensichtlich den Unterschied und bat uns seine Orientierungshilfe an. Nein, alles gut, wir wissen, wo wir hinwollen. Allein unsere Körpersprache muss uns verraten haben oder aber unsere als Nicht-nach-Arbeit aussehende Kleidung: Was machen denn hier Touristen freiwillig am Morgen??? Es gibt sie immer wieder, diese Einzelnen, Aufmerksamen, die aufpassen, Hilfe anbieten, einen auf der Straße Fotographierenden zum Abdrehen auffordern....
Im Minutentakt speien die Züge die Menschen aus, nehmen neue an Bord, und weiter geht´s. Die Monitore verkünden keine Staus auf den Straßen, keine Verspätungen im U-Bahnnetz. Bremen hat in der Bundesliga gegen Leverkusen gewonnen meldet der U-Bahn-Monitor. Jeder scheint zu wissen, wenn er denn en Blick dafür hat, wer Werder, wer Leverkusen ist, welcher brasilianische Nationalspieler gerade welche Mannschaft in Spanien, England oder Deutschland verstärkt, denn in Brasilien ist die Liga eher zweitklassig. Das große Geld kann man als brasilianischer Fußballer in Europa holen. Es versuchen viele, es gelingt, wie man hört, wenigen. Wir sind gut in der Zeit, sogar einen Zug früher, als uns notiert. Beim Umsteigen in die S-Bahn überqueren wir die randvolle Stadtautobahn und können es uns leisten, nicht sardinengerecht gequetscht die Reise fortzuführen, sondern auf einen Einsetzer warten zu können, der uns sogar Sitzplätze am Morgen schenkt.
Das letzte kleine verbleibende Stück sollte ja ein Kinderspiel sein, erwies sich jedoch als neues Abenteuer. Der Ausgang der S-Bahnstation führte auf einen Autobahnzubringer und als wir endlich eine normale Straßenkreuzung erreichten, kamen nur besetzte Taxen. Kein Wunder. Time to go to work. Nach zehn Minuten, wir waren immer noch gut in der Zeit, mehr zehn Minuten sollte der Weg nicht mehr sein, hielt ein Taxi. Wir stiegen ein und auch dann nicht mehr aus, als der Taxifahrer uns dazu aufforderte. Er kannte weder die Straße, in der die Schule liegt noch irgendeine der eingezeichneten Zufahrtsstraßen. Unsere Bilderbeauftragte glaubte zu bemerken, dass er keine Karten lesen könne, unser Immobilienbeauftragter wunderte sich dann auch nicht mehr, dass er keinen eigenen Stadtplan dabei hatte. Ich glaube, er konnte nicht einmal lesen, sonst hätte er womöglich einen Navi gehabt. Nach längeren Überredungen fuhr er in eine Richtung und klapperte zwei Tankstellen ab, um denen die Karten zu zeigen, um zu erkennen zu versuchen, ob die ihm einen Hinweis geben konnten. Insgesamt sechs Leute beschäftigten sich mit dem Rätsel und endlich konnte sich jemand erinnern und Richtungshinweise geben. Zum Glück konnte ich nun auf der Karte den Weg verfolgen und den Fahrer ans Ziel dirigieren. Zwei Minuten vor 9 Uhr. Unser Fahrer blieb noch lange orientierungslos stehen, rätselnd, in welche Richtung er sich nun bewegen solle, um wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen.
Geschafft. Zeit für eine Zigarette, bevor unser Ortskundiger auch den Weg gefunden hatte. 15 Jahre lang war er nicht mehr hier. Früher war es ihm nicht erlaubt, aus seiner Schule heraus, Kontakt mit dieser Schule zu haben. Das sei vorbei, hörten wir glaubwürdig.
Auch als Schrumpfdelegation wurden wir sehr herzlich empfangen und schauten uns gemeinsam den Image-Film der Schule an, der die 99-jährige Geschichte genauso wiedergab wie die Vielzahl von Aktivitäten für eine Schülerschaft, die heute zum aller größten Teil aus brasilianischen Mittel- und Oberschichtkindern besteht, deren Eltern die wachsende wirtschaftliche Bedeutung Deutschlands und den kostenfreien Universitätsbesuch daselbst schätzen gelernt haben. Folglich ändert sich das Programm derzeit vom klassischen DAF-Unterricht zur Immersion. Der Elternverein als Arbeitgeber trägt diese Entwicklung mit, nachdem die Bundesregierung diesen Neubau auf 50.000 vor 13 Jahren eigenmächtig finanzierte. Die Halbtagsschule beabsichtigt ihre Abiturientenquote in naher Zukunft zu verdoppeln, Überlegungen hier einzelne Fächer in einer anderen Sprache anzubieten werden sicher noch entwickelt. Bislang spricht man nur vom "internationalen Abitur". Es entsteht ein sehr angenehmes Gesprächsklima und selbst Möglichkeiten zur Kooperation, das Ausbilder gesucht werden (enn hier wird auch berufliche Ausbildung angeboten) und die Schule mehr Freiheiten hat, eigenes Personal jenseits der Kölner Zuweisungen zu suchen und zu finden. Kita, Sporthalle, Schwimmhalle - eigene Brunnen für Wasserknappheitszeiten, die auch nach den Wolkenbrüchen in der Regenzeit noch weit davon entfernt sich, Entwarnung zu geben. Man sucht nach Erweiterungen in der Nachbarschaft, ein sicher eingefasstes Areal, was der idealen Schule nahekommt, in Deutschland aber kaum zu finden sein wird...
Elite, na klar. Doch wir wissen, dass Baulichkeiten keine gute Schule garantieren, vielmehr ein Schulklima, was hier gepflegt wird...
Geschenke einschließlich BILUNGSWEGE werden ausgetauscht. Es gibt Anzeichen, dass dieser Besuch Fortsetzengen erleben könnte...Das obligatorische Gruppenbild nach einer Gesangseinlage im Auditorium vervollständigte den offiziellen Teil des Besuchs.
Zeit für den Unterricht, Zeit für uns zurück ins Hotel.
Zimmer geräumt, abgerechnet, Wodka gegen die angeschwollene Backe zur Desinfektion, Verteilung auf drei Taxen, später zwei. Die Fahrtzeitenschätzung lag diesmal komplett daneben. Wir waren 45 Minuten zu früh da, als der eine oder andere auf einen vorzeitigen Einzug drängte. Immerhin sind wir Gäste aus Deutschland, doch das nahe Café versorgte den einen oder anderen mit Speis und Trank. Mindestens fünf Leute begrüßen uns im gut gekühlten Konferenzraum und unser Ortskundiger Begleiter konnte seine guten Dienste als Übersetzer unter Beweis stellen. Die gut vorbereitetete Referentin trug ein längeres Referat vor, dessen portugiesischer Ausdruck uns zur Verfügung gestellt wurde. Jedes Jahr reist der Vorstand dieses "brasilianischen VDP" in ein andres Land, um von dort Neuigkeiten aus dem Bildungswesen zu erfahren. Ob sie nun 12.000 Schulen oder nur 25% davon vertreten, ob alle freiwillig Mitglied sind oder die Abgabe von 1,3% des Personalaufwandes einer Gewerkschaftsabgabe gleichkommt, dass konnten wir nicht entwirren. Der gesundheitlich angeschlagene Präsident und sein Vize-Präsident glänzten mit Einschüben und ein anderer Herr erwies sich als einer der Gäste, die 2007 den VDP und einzelne Schulen besucht hatten, selbst Anfang Mai mit 40 Hochschulen Dresden und Berlin besuchen möchte.
Unser Musikbeauftragter hatte keine neuen Töne beizutragen, doch das offizielle Gruppenbild wurde mit Kuchen Orangen- und Kirschsaft, wahlweise Espresso abgerundet. Ein beeindruckendes Finale, nur unterbrochen von den regelmäßigen startenden und landenden Flugzeugen vom nahen innerstädtischen Flughafen.
Wir hatten uns den letzten - sich als ortskundig erwiesenen -Taxifahrer warmgehalten,
um uns das letzte Stück des Weges zum 1,5 Stunden entfernten Flughafen zu transportieren.
Platz für vier, so dass die drei andren sich auf ein einzelnes Fahrzeug verständigen konnten.
Er erzählte, dass er sich das Taxi mit einem Kollegen teile, 7 Tage 12 Stunden fahre, seine Frau für das Schulgeld des Sohnes für den Besuch einer Privatschule als Kosmetikerin und Drogistin arbeite, das Geld also für ein zweites Kind nicht reiche. (Da ist sie wieder, die Ein-Kind-Politik.) Mit 1000 brasilianischen Real für den Schulbesuch hatten wir wieder die ca € 320, von denen man leben könne. Unsere letzte Schule gehörte mit dem Dreifachen Beitrag zu den weniger Zugänglichen. Das ist doch das einzige, was wir unserem Kind mitgeben können, eine ordentliche Schulbildung und die staatlichen Angebote seien wirklich nicht ermutigend. Mit 1700 Real für eine Vollzeitstelle, quasi unkündbar, doch in der Regel mit einem Zwei- oder Drittjob versehen, steige die Krankheitsquote in den staatlichen Schulen ins Unermessliche und die Versprechen der Politik, die Lehrergehälter zu verdoppeln, harren noch der Realisierung. Gut, dass unser Musikbeauftragter Portugiesisch kann, nicht nur singen.
Nachtrag
Das Check-In verlief ungewöhnlich schnell, die Stunden bis zum Abflug verbummelten wir in Kleingruppen, alleine oder im Kollektiv, Abschied stand auf der Tagesordnung, die vielen Einrücke noch unsortiert, schon wieder vorbei, womöglich die letzte Studienreise, wer weiß, was gelernt, was Neues erfahren, was mitgenommen? Sehr viel, was die Perspektive von diesem Flecken Erde in seinen so unglaublich widersprüchlichen, freundlichen und gewaltsamen wie korrupten Gewohnheiten doch Lebensfreude und Traumbilder produziert. Nein, die brasilianische Frau ist nicht die Bikini tragende aus dem Fernsehen vom Strand immer wieder gezeigte neben den jungen sportlichen Männern mit Waschbrettbauch. Es gibt sie, aber Kleidung wie Körperumfang sind kein wirkliches Thema, modebewusst sin andere Länder, viele kleine Männer, viele große Frauen, viele ausgestoßene Menschen, hoffnungslos am Straßenrand...
Es ist nicht zusammen zu fassen, aber klar,
dass jeder Land, jeder Staat sein Image pflegt, Pässe ausgibt oder nicht, Leute einreisen lässt oder nicht, sich Partner sucht, von denen er glaubt, was zu bekommen.
Vielleicht werden es die Schulen ja hier wie bei uns aufgreifen,
good governance zu unterrichten, um zu begreifen, wie schwer das ist... wer weiß.
Der Besuch einer , nein DER Markthalle, von Sao Paulo am 9. Tag war unerwähnt geblieben, doch in der Hitze der Menschenmassen am Samstagnachmittag, voller frischer Fische, Obst, Gewürzen, Getränken, Kaffee, Kleinspeisen, voller spezialisierter Stände auf der Suche nach Kundschaft.
Die drei Stunden Zeitunterschied erlauben jedenfalls den Verzicht auf einen Jet lack und hätten wir gewusst, was unser Geschäftsführer erfolgreich erprobte, dass die fünf innerAirport-Kontrollen im sicherheitsüberschwenglichen Paris umgehen kann, wenn man behauptet, seinen Anschlussflug zu erreichen,, dann hätte nicht nur er den direkten Anschlussflug bekommen, doch wir, die wir drei Stunden warten mussten, hatten zumindest unser Gepäck in Tegel. Zurück war schneller, gefühlt jedenfalls. Doch das ist oft der Fall.
Keiner der Sieben hätte diese Reise als Tourist gemacht, vielleicht unser Musikbeauftragter, doch der gemeinsame Ausflug in eine unbekannte Welt mit ungewöhnlichen Perspektiven und vielen Geschichten lässt uns genauer hinschauen, wenn von Brasilien die Rede ist:
Sehr amerikanisch, angeblich eine kubanisch orientierte Regierung, die sich die Taschen in vier Jahren Regierungszeit vollstopft, freundlich mit den früheren Kolonialherren, die wenig mit dem großen Flecken Erde anzufangen wussten und im Samba scheinbar klassenlos bewegt vereint...und dann die Lostöpfe in den Privatschulen, die Abendkurse für Favelabewohner...
Das war es, nicht wirklich schlaflos in Brasilien, aber schlafarm, denn das Schreiben blieb den Stunden nach Mitternacht vorbehalten, wohl wissend, dass am nächsten Tag schon wieder vieles vom Vortag verblasst, überdeckt, eingefärbt ist, jenen gewidmet, die dabei waren oder nicht dabei waren, zuerst meiner Ulla.
Alle Namen von Personen und Orte von Einrichtungen sind frei erfunden, alle Zitate entsprechen authentischen Aussagen, ohne dass auch nur eines den Anspruch auf Allgemeingültigkeit in Anspruch nehmen kann. Bilder, Filme und Tonproben werden das Bild der einzelnen Mitreisenden entsprechend ergänzen.
Trinken wir noch einen Caipi
und erfreuen uns des Privilegs, diese Reise gemacht haben zu können.
Over!