Donnerstag, 12. Februar 2015

Sao Paulo, Montag, 9. Februar 2015 - Kein Samba in der U-Bahn, Wasser bei Humboldt, Verband in der Einflugschneise und vom Sommer zurück in den Winter: Ende einer Studienreise



Bevor eine 26-stündige Rückreise uns erwartete, hatten wir noch die Gelegenheit zum Besuch zweier eindrucksvoller Einrichtungen. Vertreter einer Schule mit einem Forschernamen sowie fünf Vertreter eines Verbandes namens SIEEESP.

Unser Ortskundiger hatte uns umsichtiger Weise zwei Google-Maps-Ausdrucke zur Verfügung gestellt, wohl wissend, dass nicht jede Taxi fahrende Person Straßennamen und Zugang zu unserem Ziel kennt. Das war weise. Doch ob des weiten Weges hatte uns unser Geschäftsführer am langsamen Sonntag U- und S-Bahnverbindung bis etwa 2 km vor unserm Zielort herausgesucht, mit Abfahrtzeiten, Bahnhof und Endbahnhof. Die fehlende Liniennummer ergänzten wir dann selbst auf dem Weg. Die Sieben hatten sich auf drei reduziert. Alle nicht rauchenden Gruppenteilnehmer wussten sich ob gesundheitlicher Beeinträchtigungen oder Selbsteinschätzung der Kondition ob der bevorstehenden Reise oder abschließender Besorgungen der Einteilung Ihrer Kräfte folgend lieber selbst befreit vom morgendlichen Ausflug. (Das katholische Land ist mittlerweile seinen Vorbildern Portugal, Italien, Irland und Polen gefolgt und verkleinert die Raucherzonen systematisch auf ein Minimum. Selbst in freien stehende Cafétische unter einer Balustrade gehören zum Sperrgebiet.)

Pünktlich marschierten wir mit unserer Geschenketasche zum naheliegenden U-Bahnhof Polista, den wir in den vergangenen Tagen ob seiner unglaublichen, baulichen Großzügigkeit schätzen gelernt hatten. Bereits auf dem Weg dorthin fanden wir kaum Platz auf dem Bürgersteig, so viele Leute kamen uns in verschiedener Kleidung, oft Business like, entgegen. Kein Lächeln, keine rhythmischen Bewegungen, kein Samba in der Luft, nur der starre Blick nach vorne, der Arbeit entgegen. Alles freundlich Lebendige war aus den Gesichtern gewichen, der montägliche Weg zur Arbeit glich einem Weg in die Zwangsarbeit. Halb acht. Ganz schön früh. Doch Sao Paulo muss ja brummen...
Der Eindruck einer ferngesteuerten Masse von nur scheinbar unabhängigen Individuen verstärkte sich mit dem Eintritt in den U-Bahnhof, der gar nicht mehr großzügig aussah, sondern voll von zähbreiingen Massen sich auf- und abwärts bewegender Menschen, auf Rolltreppen, in zügigem Tempo - immer vorwärts, ohne einen Blick zur Seite. Wir wurden Teil dieser Bewegung, doch ein einzelner Brasilianer bemerkte offensichtlich den Unterschied und bat uns seine Orientierungshilfe an. Nein, alles gut, wir wissen, wo wir hinwollen. Allein unsere Körpersprache muss uns verraten haben oder aber unsere als Nicht-nach-Arbeit aussehende Kleidung: Was machen denn hier Touristen freiwillig am Morgen??? Es gibt sie immer wieder, diese Einzelnen, Aufmerksamen, die aufpassen, Hilfe anbieten, einen auf der Straße Fotographierenden zum Abdrehen auffordern....

Im Minutentakt speien die Züge die Menschen aus, nehmen neue an Bord, und weiter geht´s. Die Monitore verkünden keine Staus auf den Straßen, keine Verspätungen im U-Bahnnetz. Bremen hat in der Bundesliga gegen Leverkusen gewonnen meldet der U-Bahn-Monitor. Jeder scheint zu wissen, wenn er denn en Blick dafür hat, wer Werder, wer Leverkusen ist, welcher brasilianische Nationalspieler gerade welche Mannschaft in Spanien, England oder Deutschland verstärkt, denn in Brasilien ist die Liga eher zweitklassig. Das große Geld kann man als brasilianischer Fußballer in Europa holen. Es versuchen viele, es gelingt, wie man hört, wenigen. Wir sind gut in der Zeit, sogar einen Zug früher, als uns notiert. Beim Umsteigen in die S-Bahn überqueren wir die randvolle Stadtautobahn und können es uns leisten, nicht sardinengerecht gequetscht die Reise fortzuführen, sondern auf einen Einsetzer warten zu können, der uns sogar Sitzplätze am Morgen schenkt.

Das letzte kleine verbleibende Stück sollte ja ein Kinderspiel sein, erwies sich jedoch als neues Abenteuer. Der Ausgang der S-Bahnstation führte auf einen Autobahnzubringer und als wir endlich eine normale Straßenkreuzung erreichten, kamen nur besetzte Taxen. Kein Wunder. Time to go to work. Nach zehn Minuten, wir waren immer noch gut in der Zeit, mehr zehn Minuten sollte der Weg nicht mehr sein, hielt ein Taxi. Wir stiegen ein und auch dann nicht mehr aus, als der Taxifahrer uns dazu aufforderte. Er kannte weder die Straße, in der die Schule liegt noch irgendeine der eingezeichneten Zufahrtsstraßen. Unsere Bilderbeauftragte glaubte zu bemerken, dass er keine Karten lesen könne, unser Immobilienbeauftragter wunderte sich dann auch nicht mehr, dass er keinen eigenen Stadtplan dabei hatte. Ich glaube, er konnte nicht einmal lesen, sonst hätte er womöglich einen Navi gehabt. Nach längeren Überredungen fuhr er in eine Richtung und klapperte zwei Tankstellen ab, um denen die Karten zu zeigen, um zu erkennen zu versuchen, ob die ihm einen Hinweis geben konnten. Insgesamt sechs Leute beschäftigten sich mit dem Rätsel und endlich konnte sich jemand erinnern und Richtungshinweise geben. Zum Glück konnte ich nun auf der Karte den Weg verfolgen und den Fahrer ans Ziel dirigieren. Zwei Minuten vor 9 Uhr. Unser Fahrer blieb noch lange orientierungslos stehen, rätselnd, in welche Richtung er sich nun bewegen solle, um wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen.
Geschafft. Zeit für eine Zigarette, bevor unser Ortskundiger auch den Weg gefunden hatte. 15 Jahre lang war er nicht mehr hier. Früher war es ihm nicht erlaubt, aus seiner Schule heraus, Kontakt mit dieser Schule zu haben. Das sei vorbei, hörten wir glaubwürdig.

Auch als Schrumpfdelegation wurden wir sehr herzlich empfangen und schauten uns gemeinsam den Image-Film der Schule an, der die 99-jährige Geschichte genauso wiedergab wie die Vielzahl von Aktivitäten für eine Schülerschaft, die heute zum aller größten Teil aus brasilianischen Mittel- und Oberschichtkindern besteht, deren Eltern die wachsende wirtschaftliche Bedeutung Deutschlands und den kostenfreien Universitätsbesuch daselbst schätzen gelernt haben. Folglich ändert sich das Programm derzeit vom klassischen DAF-Unterricht zur Immersion. Der Elternverein als Arbeitgeber trägt diese Entwicklung mit, nachdem die Bundesregierung diesen Neubau auf 50.000 vor 13 Jahren eigenmächtig finanzierte. Die Halbtagsschule beabsichtigt ihre Abiturientenquote in naher Zukunft zu verdoppeln, Überlegungen hier einzelne Fächer in einer anderen Sprache anzubieten werden sicher noch entwickelt. Bislang spricht man nur vom "internationalen Abitur". Es entsteht ein sehr angenehmes Gesprächsklima und selbst Möglichkeiten zur Kooperation, das Ausbilder gesucht werden (enn hier wird auch berufliche Ausbildung angeboten) und die Schule mehr Freiheiten hat, eigenes Personal jenseits der Kölner Zuweisungen zu suchen und zu finden. Kita, Sporthalle, Schwimmhalle - eigene Brunnen für Wasserknappheitszeiten, die auch nach den Wolkenbrüchen in der Regenzeit noch weit davon entfernt sich, Entwarnung zu geben. Man sucht nach Erweiterungen in der Nachbarschaft, ein sicher eingefasstes Areal, was der idealen Schule nahekommt, in Deutschland aber kaum zu finden sein wird...
Elite, na klar. Doch wir wissen, dass Baulichkeiten keine gute Schule garantieren, vielmehr ein Schulklima, was hier gepflegt wird...

Geschenke einschließlich BILUNGSWEGE werden ausgetauscht. Es gibt Anzeichen, dass dieser Besuch Fortsetzengen erleben könnte...Das obligatorische Gruppenbild nach einer Gesangseinlage im Auditorium vervollständigte den offiziellen Teil des Besuchs.
Zeit für den Unterricht, Zeit für uns zurück ins Hotel.

Zimmer geräumt, abgerechnet, Wodka gegen die angeschwollene Backe zur Desinfektion, Verteilung auf drei Taxen, später zwei. Die Fahrtzeitenschätzung lag diesmal komplett daneben. Wir waren 45 Minuten zu früh da, als der eine oder andere auf einen vorzeitigen Einzug drängte. Immerhin sind wir Gäste aus Deutschland, doch das nahe Café versorgte den einen oder anderen mit Speis und Trank. Mindestens fünf Leute begrüßen uns im gut gekühlten Konferenzraum und unser Ortskundiger Begleiter konnte seine guten Dienste als Übersetzer unter Beweis stellen. Die gut vorbereitetete Referentin trug ein längeres Referat vor, dessen portugiesischer Ausdruck uns zur Verfügung gestellt wurde. Jedes Jahr reist der Vorstand dieses "brasilianischen VDP" in ein andres Land, um von dort Neuigkeiten aus dem Bildungswesen zu erfahren. Ob sie nun 12.000 Schulen oder nur 25% davon vertreten, ob alle freiwillig Mitglied sind oder die Abgabe von 1,3% des Personalaufwandes einer Gewerkschaftsabgabe gleichkommt, dass konnten wir nicht entwirren. Der gesundheitlich angeschlagene Präsident und sein Vize-Präsident glänzten mit Einschüben und ein anderer Herr erwies sich als einer der Gäste, die 2007 den VDP und einzelne Schulen besucht hatten, selbst Anfang Mai mit 40 Hochschulen Dresden und Berlin besuchen möchte.

Unser Musikbeauftragter hatte keine neuen Töne beizutragen, doch das offizielle Gruppenbild wurde mit Kuchen Orangen- und Kirschsaft, wahlweise Espresso abgerundet. Ein beeindruckendes Finale, nur unterbrochen von den regelmäßigen startenden und landenden Flugzeugen vom nahen innerstädtischen Flughafen.

Wir hatten uns den letzten - sich als ortskundig erwiesenen -Taxifahrer warmgehalten,
um uns das letzte Stück des Weges zum 1,5 Stunden entfernten Flughafen zu transportieren.
Platz für vier, so dass die drei andren sich auf ein einzelnes Fahrzeug verständigen konnten.

Er erzählte, dass er sich das Taxi mit einem Kollegen teile, 7 Tage 12 Stunden fahre, seine Frau für das Schulgeld des Sohnes für den Besuch einer Privatschule als Kosmetikerin und Drogistin arbeite, das Geld also für ein zweites Kind nicht reiche. (Da ist sie wieder, die Ein-Kind-Politik.) Mit 1000 brasilianischen Real für den Schulbesuch hatten wir wieder die ca € 320, von denen man leben könne. Unsere letzte Schule gehörte mit dem Dreifachen Beitrag zu den weniger Zugänglichen. Das ist doch das einzige, was wir unserem Kind mitgeben können, eine ordentliche Schulbildung und die staatlichen Angebote seien wirklich nicht ermutigend. Mit 1700 Real für eine Vollzeitstelle, quasi unkündbar, doch in der Regel mit einem Zwei- oder Drittjob versehen, steige die Krankheitsquote in den staatlichen Schulen ins Unermessliche und die Versprechen der Politik, die Lehrergehälter zu verdoppeln, harren noch der Realisierung. Gut, dass unser Musikbeauftragter Portugiesisch kann, nicht nur singen.


Nachtrag 

Das Check-In verlief ungewöhnlich schnell, die Stunden bis zum Abflug verbummelten wir in Kleingruppen, alleine oder im Kollektiv, Abschied stand auf der Tagesordnung, die vielen Einrücke noch unsortiert, schon wieder vorbei, womöglich die letzte Studienreise, wer weiß, was gelernt, was Neues erfahren, was mitgenommen? Sehr viel, was die Perspektive von diesem Flecken Erde in seinen so unglaublich widersprüchlichen, freundlichen und gewaltsamen wie korrupten Gewohnheiten doch Lebensfreude und Traumbilder produziert. Nein, die brasilianische Frau ist nicht die Bikini tragende aus dem Fernsehen vom Strand immer wieder gezeigte neben den jungen sportlichen Männern mit Waschbrettbauch. Es gibt sie, aber Kleidung wie Körperumfang sind kein wirkliches Thema, modebewusst sin andere Länder, viele kleine Männer, viele große Frauen, viele ausgestoßene Menschen, hoffnungslos am Straßenrand...

Es ist nicht zusammen zu fassen, aber klar,
dass jeder Land, jeder Staat sein Image pflegt, Pässe ausgibt oder nicht, Leute einreisen lässt oder nicht, sich Partner sucht, von denen er glaubt, was zu bekommen.

Vielleicht werden es die Schulen ja hier wie bei uns aufgreifen,
good governance zu unterrichten, um zu begreifen, wie schwer das ist... wer weiß.
Der Besuch einer , nein DER Markthalle, von Sao Paulo am 9. Tag war unerwähnt geblieben, doch in der Hitze der Menschenmassen am Samstagnachmittag, voller frischer Fische, Obst, Gewürzen, Getränken, Kaffee, Kleinspeisen, voller spezialisierter Stände auf der Suche nach Kundschaft.

Die drei Stunden Zeitunterschied erlauben jedenfalls den Verzicht auf einen Jet lack und hätten wir gewusst, was unser Geschäftsführer erfolgreich erprobte, dass die fünf innerAirport-Kontrollen im sicherheitsüberschwenglichen Paris umgehen kann, wenn man behauptet, seinen Anschlussflug zu erreichen,, dann hätte nicht nur er den direkten Anschlussflug bekommen, doch wir, die wir drei Stunden warten mussten, hatten zumindest unser Gepäck in Tegel. Zurück war schneller, gefühlt jedenfalls. Doch das ist oft der Fall.

Keiner der Sieben hätte diese Reise als Tourist gemacht, vielleicht unser Musikbeauftragter, doch der gemeinsame Ausflug in eine unbekannte Welt mit ungewöhnlichen Perspektiven und vielen Geschichten lässt uns genauer hinschauen, wenn von Brasilien die Rede ist:

Sehr amerikanisch, angeblich eine kubanisch orientierte Regierung, die sich die Taschen in vier Jahren Regierungszeit vollstopft, freundlich mit den früheren Kolonialherren, die wenig mit dem großen Flecken Erde anzufangen wussten und im Samba scheinbar klassenlos bewegt vereint...und dann die Lostöpfe in den Privatschulen, die Abendkurse für Favelabewohner...
Das war es, nicht wirklich schlaflos in Brasilien, aber schlafarm, denn das Schreiben blieb den Stunden nach Mitternacht vorbehalten, wohl wissend, dass am nächsten Tag schon wieder vieles vom Vortag verblasst, überdeckt, eingefärbt ist, jenen gewidmet, die dabei waren oder nicht dabei waren, zuerst meiner Ulla.
Alle Namen von Personen und Orte von Einrichtungen sind frei erfunden, alle Zitate entsprechen authentischen Aussagen, ohne dass auch nur eines den Anspruch auf Allgemeingültigkeit in Anspruch nehmen kann. Bilder, Filme und Tonproben werden das Bild der einzelnen Mitreisenden entsprechend ergänzen.

Trinken wir noch einen Caipi
und erfreuen uns des Privilegs, diese Reise gemacht haben zu können.
Over!

Montag, 9. Februar 2015

São Paulo, 8. Februar 2015 - Vertikale Favelas, Unique Hotel und Proben für Karneval



Die brasilianischen Tage haben schon ihren Tribut gefordert. Ein Sonntag kurz vor der Abreise liegt da schon ganz gut. Keine offiziellen Termine, keine organisierten Gänge. Nein, die Rache Monezumas hat auch niemanden ereilt, auch Magen-Darm blieb ob der Einhaltung der Lebensmittelordnung aus,
nur einen festen Husten in der Musikabteilung, Wasser nur aus verschlossenen Flaschen, aber keine Überfalle, Diebstähle, Bedrohungen, nur ein wenig Sonnenbrand auf den ohnehin überempfindlichen Oberflächen des Schreibenden.

Der freundliche Sonnenschein brachte gute 24 Grad um 9 Uhr auf der Messtabelle, knappe 32 wurden erreicht, doch das fast schon obligatorische Nachmittagsunwetter blieb aus. Gut für die Radfahrer. Ja, es gibt sie hier. Die Hauptmagistrale Paulista, die früher sehr prächtige Paläste der Geldkönige beherbergte  (eine Rettung durch den Denkmalschutz funktionierte nicht, sagt man:
als die Zeit der Hochhäuser gekommen war und nicht mehr Gummi und Kaffee einzelne ungeheuer reich machte, kamen die Bagger und machten alles platt für Hochhäuser, das neue Symbol einer neuen Zeit und das entsprechende Gesetz im Parlament kam vier Monate zu spät) und heute die Wirtschafts- und Finanzstraße ist.

Also hier wurde die linke Spur für Fahrräder gesperrt, so dass jeder gemütlich seine Kreise durch das Zentrum ziehen konnte -  und weil offensichtlich noch wenige eigene Räder haben, gab es große Ausleihstellen: einige nutzten es auch zum Üben.
So jedenfalls machte das Straßenleben am Morgen auch einen beschaulichen Eindruck und als alle sieben gefrühstückt hatten, traf die gesamte Gruppe zu einer Vollversammlung zusammen, um gemeinsame und getrennte Aktivitäten heute und morgen zu erörtern, die Fahrwege abzuschätzen, die am Montag zu den beiden letzten Terminen bei Humboldt und einem Privatschulverband führen
und ins Verhältnis gesetzt gehörten zun Hotelstandort und dem Flughafen.
Da wir erst um 13 Uhr die Zimmer räumen müssen, werden wir dann alle gemeinsam mit Gepäck den 14.30 Uhr Termin wahrnehmen.  Beide Termine sind 90 bzw 60 Minuten entfernt, jeweils südlich, während der Flughafen im Nordosten liegt und eine Fahrt durch die Stadt, zu welcher Zeit auch immer stautechnisch kaum kalkulierbar ist und wenn man eine so weite Reise vor sich hat,
will man nicht ins Schwitzen geraten, zumal die Abwicklungen am Flughafen selbst bei einer Ausreise keinem der Beteiligten aus eigener Erfahrung erinnerlich sein können.
Niemand war hier bisher. Den Morgentermin werden dann nur drei wahrnehmen nebst ortskundiger Begleitung.
Der Austausch über lohnende Ziele am Sonntag verlief konstruktiv und differenziert, individualisiert mit inklusiven Tendenzen.

Zwei Märkte sollen empfehlenswert sein, der eine am MASP (WORK IN PROGRESS), das andere am Platz der Republik, wohin sich ganze Teile der Sieben gemeinsam und getrennt hinbewegten, während andere ihre E-Mail- und Postkartenschulden beglichen.
Die Auswahl an selbstgestricktem Schmuck, selbstgeschneiderten Kleidungsstücken, Steinen und Steinchen, mit und ohne Fassung, Bildern und Gemälden jeglicher Größe - alles in allem verteilt auf etwa 200 Ständen nebst einer Abteilung für Essen und Trinken, gern auch süße Sachen. Wie hält man die bloß ansehnlich, wenn es warm ist. Das eine oder andere Teil erregte auch mein Interesse und nachdem der Preisvorschlag mit Handzeichen oder Kugelschreiber kommuniziert war,
erntete ich mehrfach spontanes, lautes und zustimmendes Lachen ob meines reduzierten Gegenangebots. Meine Portugiesischkenntnisse haben sich nicht wirklich weiterentwickelt,
das eine oder andere verstehe ich, immerhin gibt es Schnittmengen mit dem Spanischen So blieb die international verständliche Zeichensprache ohne eventuell beleidigende Zeichen.

Für 15 Uhr war ein Freiwilligentreffpunkt an der U-Bahn Luz vorgesehen. Ein riesiger Bahnhof in einer Umgebung, die als ärmlich bis arm bezeichnet werden muss. Da die Gegend keine öffentlichen Sitzplätze kennt, fanden wir eine kleine Imbiss-Bar, erfrischten uns bei Kaltgetränken und durften dem brasilianischen Schlager in ausgeprägter Form verfolgen, was uns daran erinnerte,
dass die Welt grösser ist als Bossa Nova, Swing und Samba - weltweit erkennbarer Schlager. Doch eine Pause musste sein.

Die Suche nach den Älteren hatte sich heute beim Beobachten der Fahrradfahrenden relativiert,
auch auf dem Markt war die überwiegende Mehrheit der Waren feilbietenden Paulistianer jenseits der gestern gezogenen Altersgrenze. Hier, auf der breiten Straße hinter dem Bahnhof abgesperrt und von Polizei gesichert tanzte jede halbe Stunde eine größere oder kleinere, geübtere oder weniger geübte, einheitlich oder weniger einheitlich gekleidete Samba-Gruppe, Männer und Frauen getrennt hintereinander, manchmal auch mehrere, immer begleitet, manchmal angeführt von Musikanten mit Instrumenten, umgeben von korrigierenden, dirigierenden oder rotierenden Begleitpersonen,
offensichtlich die Coaches, Sponsoren oder Trainer in unglaublich langsamen Tempo die 500 m lange Straße entlang, begleitet von der entsprechenden eigenen Musik, die in ohrenbetäubender Lautstärke über ungezählte Boxen verbreitet wurde.
Doch die notwendige Bewegungsförderung wird wohl dadurch verbessert. Dies war ja der Übungsnachmittag für den Karnevals-Wettbewerb im Stadtteil, offen für jede Gruppe, die sich das zutraut, alles Amateure - vielleicht war ja die eine oder andere Anminationsperson dazugekauft, wer weiß das schon.
Mutig, rührend bisweilen, immer um Fassung bemüht, in engem Kontakt mit den befreundeten oder verwandten Publikum, das sich mitbewegte, aber ob der Lautstärke zum Applaus keine Chance hatte.
Und in den Gruppen, die wir sehen durften, waren viele von denen, die wir nicht gesehen hatten,
ältere Menschen. Sie sind noch da, sie sind noch aktiv - und beweisen Kondition, Timing und Kostümschneiderkunst.

Man bekommt einen Eindruck davon, dass der Karneval mehr im Lande ist, als die offizielle Parade in Rio. Viel mehr.

Die gerade begonnene Schule wird folgerichtig von Montag bis Mittwoch nächster Woche gleich wieder geschlossen.

Die Nachmittagshitze und ein Museum in der Nähe veranlassten uns weiterzugehen und dabei wanderten wir mit elektronischer Navigationshilfe durch Straßen, die von der Armut der Bewohner künden und dem Verfall Tür und Tor geöffnet haben.  In einer Straße fühlten wir uns in eine Prachtstraße der 20er Jahre zurückversetzt, tolle Fassaden, nicht mehr taufrisch, einige wenige farblich erkennbar, mit Hochwasserabwehrbrettern vor den Türen, mal funktionsfähig, mal ehemals funktionsfähig.
Die fehlenden Gullis und die abschüssige Straße erklärten uns die Macht des Wassers, das hier herabstürzt, wenn es aus Eimern schüttet.
Hier lebten früher vorwiegend japanische Einwanderer -  und die Japaner, die es nicht ¨geschafft¨ haben wohnen hier immer noch. EIn Hochhaus in der Ferne sah leer aus, war wohl bewohnt von Menschen, die sich die verfallenden Räume nahmen, bevor der Abriss droht: VERTIKALE FAVELA nennt man diese Gebäude.
Im Dunkeln wäre es uns wohl unheimlich, doch heute scheint die Sonne und keine Menschenseele ist sichtbar, nur eine hörbar.

Eine katholische Kirche am Ende der Straße hatte ihre Türen geöffnet und eine Bettlerin schüttelte heftig eine kleine Plastikschüssel mit Kleingeld, um die Kirchgänger zum Spenden zu bewegen. São Bento betraten wir und genossen die Kühle, sahen bald die Kerzen entzündet, bis endlich die Glocken zur Messe riefen. In Rio hatten wir noch erfahren, dass die evangelische Kirchengemeinde nach der Abschaffung abendlicher Messen aus Angst vor Überfällen, es noch nicht geschafft hatte, sich zu überwinden, es wieder zu tun. Hier schon.
Die mager besuchte Messe hätte im Theater abgesagt gehört, denn auf der Bühne waren mehr Menschen als im Publikum, doch die sehr bald singenden Franziskaner ließen es sich nicht nehmen,
wunderbaren Chorgesang vorzutragen....

Schnell gepackt, morgen nicht viel Zeit, früh raus, dann weg und einer aus unseren Kreise hatte ein Hotel ausgemacht, auf dessen Dach man sich frei bewegen konnte und einen guten Blick auf viele sehr hohe Häuser dieser Stadt habe. Erbaut von einem japanischen Architekten beeindruckte die weitläufige Lobby und ein Fahrstuhl führte in die 7. Etage. Nur?
Doch der Blick auf die nächtlich erleuchteten Hochhäuser in fast allen Himmelrichtungen war schon sehr beeindruckend und ließ uns eine ganze Zeit verweilen, obgleich Musik und Publikum zwei Generationen jünger erschienen. Der Abschiedsabend mit Weitsicht, glasverkleidet.

Diese unglaublichen Unterschiede!!!

Wenn einer eine Reise tut, dann hat er was zu erzählen.
Reisen bildet.

Sicher, unterwegs in nicht bekannter Umgebung, ist die Aufmerksamkeit in der Regel grösser als in der gewohnten Umgebung: vieles ist neu oder könnte es sein, nicht alle Wege und Bewegungen, Gesten sind sofort verständlich, manchmal gar nicht. Es hatte sich herausgestellt, dass es zwar aktuelle Reiseführer für Rio, NICHT aber für São Paulo gibt.

Mit den beiden Terminen am Montag endet die Studienreise mit dem Rückflug. Insofern ist dies mein letzter Beitrag aus Brasilien. Back home werde ich einen Abschluss versuchen. Doch wenn man das nicht gleich tut, wie diese Zeilen hier jeweils am Ende eines Tages zusammengetragen wurden,
dann unterbleibt es oft.

Ich danke allen mich Begleitenden bis zu diesem Punkt und wünsche
Gute Reise auf allen Wegen!!!!

Mal sehen wie das geht: Zurück vom Sommer in den Winter!?!!.......................................

Sonntag, 8. Februar 2015

São Paulo, 7. Februar 2015 - Zu Fuß unterwegs: Der Blick von oben und die Bewegung ohne Dach



Heute werde es nicht regnen, beteuerte unser Dienstleistungsbeauftragter, der alle Wetterberichte fortlaufend beobachtet. Meinen neuen Schirm gestern als Gastgeschenk nahm ich dann doch mit, dachte weder an Sonnenschutz noch an meinen schönen neuen weißen Hut.
Das sollte sich rächen. Gut verbrannt an Armen und Kopf suche ich der Haut Kühlung zukommen zu lassen. Doch die anfänglichen 22 Grad ließen nichts Schlimmes erwarten, es war angenehm, wolkenfrei. Der Regenschirm kann ja im Zweifelsfall auch als Sonnenschirm dienen. Das tat es auch, doch mehr noch als Spazierstock.

Die gut 13 km, die mindestens drei aus der sich auseinander und wieder zusammenfindenden Studiengruppe am kulturellen Sonnabend zurücklegten, waren nur durch eine U-Bahnfahrt und zwei Taxi-Tickets unterbrochen. Um 9.30 Uhr sollte es losgehen in Richtung U-Bahn, um zwei Stationen später an der Praca Republica vor dem Edificio Itália unseren pensionierten Ortskundigen in seinem Kerngeschäft zu erleben.

Vorher begrüßten wir zu einem Kaffee eine Brasilianerin namens Helga, deren Kontakt uns unser Spirits Rector ans Herz gelegt hatte. Gestern ging es ja nicht. Die 65 Goethe-Instituts-Beschäftigten waren unter dem Vorwand eines Betriebsausflugs zum TEAMBUILDING in die Natur gegangen, um daselbst physische Vertrauensspiele zu erproben. Wir grüßten herzlich von dem ehemaligen Kollegen und breiteten eine Palette von sehr freudig wohlwollend entgegengenommenen Papieren, Borschüren und Heften aus, welche sicher gute Verwertung im Deutschunterricht finden werden. Entscheidend jedoch war der Bilderbeauftragten und Grafikerin wie mir die Übergabe eines gebundenen Exemplars jenes Standartwerks namens BILDUNGSWEGE, welches 50 Jahre Berliner Bildungsstadtgeschichte am Beispiel Kant abwechslungsreich und exzellent gestaltet beschreibt. Dies Geschenk mit Widmung ist für die Bibliothek des Goethe-Instituts bestimmt, damit auch auf dieser Seite der Erde jene der deutschen Sprache fähigen in den Genuss dieses Werkes kommen können. (So entfaltet dieses im Verkauf wenig beachtete Werk ganz allmählich seine Wirkung....) Helga sagte, wir hätten Ende Februar kommen sollen, dann werde es die erste Zusammenkunft von Deutschlehrern geben, die aus regulären Schulen am Ausbau eines Deutschprogramms an ihren Schulen interessiert seien. Hier sprach sie in ihrer Funktion als Vize-Präsidentin des brasilianischen Deutschlehrer-Verbandes. Möglicherweise bieten sich ja hier. Anknüpfungspunkte, sollte es gelingen, einen geeigneten Vertreter zu benennen, um diese sich bildenden Fäden zu stärken und den Prozess zu verfolgen, technologisch durchaus ohne Reisekosten machbar....So erfahren wir, dass dies wohl größte Goethe-Institut weiterhin aktiv ist. Die diplomatische Mission war abgeschlossen.

Es reiche nicht aus, sinnierte Helga noch aus ihrer langen beruflichen Arbeit, wenn einzelne aktive Lehrkräfte etwas auf die Beine stellen, aber vergessen, dass sie selber es nicht unbegrenzt machen können, also zeitig nach einer geeigneten Staffelentgegennahmeperson Ausschau halten sollten...Wie wahr.. Sie selbst gehe bald dem Rentenzeitalter entgegen und hoffe ähnlich anregende Rätsel knacken zu können, wie derzeit ihr dynamischer, ehemaliger Kollege in Berlin.

Brasilianerinnen und Brasilianer sind alt, wenn sie 60 Jahre alt werden. Darauf muss ich mich nun eistellen. Mit 60 geht man in Rente, kann dies mit Abschlägen ab 50 tun (und dann heimlich weiterarbeiten?!?). Damit ergeben sich auch Privilegien wie freie Fahrt in öffentlichen Verkehrsmittels, halber Preis in Theater und bei Musikveranstaltungen. Da noch immer so viele Menschen jung sind, funktioniert das System noch, wird wohl gerade aber überdacht, denn angeblich hält die freiwillige Ein-Kind-Familie Einzug in die brasilianische Mittelschicht....Alte, um darauf zurückzukommen, sind im Straßenbild der Innenstadt so gut wie gar nicht auszumachen, in Rio wie hier. Sie halten sich in ihren Wohngebieten auf, sagt unser Ortskundiger, selbst ein älterer Mann, seines Zeichens Pensionär. Hinzu kommt natürlich, dass dieser Moloch teuer ist. Carla bezeichnete ihre Oma-Generation als Taxi-Service für die Enkelgeneration......

Das Italien-Hochhaus soll das zweithöchste der Stadt sein und der Brandenburger aus unserer Gruppe besuchte es am Nachmittag, als der Fahrstuhl offen war, um sich von oben einen Überblick zu verschaffen. Hier, im neuen Zentrum, ist der Ausgangspunkt all der Protestbewegungen, die sich Gehör verschaffen wollen, was in dieser sehr lauten Stadt mit sehr vielen sehr hohen Häusern und sehr viel Polizei und überall sehr vielen Menschen nicht einfach ist, weil viele Menschen einfach oft auf einem Haufen zusammen sind. Wir lernten, dass die ungeordnet erscheinende Stadtentwicklung auf Genehmigungspraktiken der Stadtverwaltung zurückzuführen sei, die anderswo Korruption genannt würde. Der Immobilienmarkt selbst erzeugt immer wieder Leerstand in angemessenem Umfang, so dass sich hier. Menschen zu Hausbesetzern weiterentwickelt haben, die unter dem Namen Bewegung ohne Dach leer stehende Hochhäuser zum eigenen Wohnen nutzen, was früher mit der Bezeichnung Hausbesetzer tituliert wurde.

Ich weiß nicht, wie viele hundert Hochhäuser São Paulo hat, ich lernte aber, dass der Stahlbetonbau 1926 das erste 30 stoeckige Gebäude ermöglichte, als ein Reicher Schiffseigner sich ein Denkmal setzen wollte, doch nur 26 Stockwerke genehmigt bekam - und nach einigem Zögern ein  vierstöckiges Haus obendrauf setzte: 30 Stockwerke. Damals das höchste, heute 3. Platz. Von dort oben hatten wir einen großartigen Blick in alle Himmelrichtungen  gleichsam im Vorgarten zum 4-stoeckigen Wohnhaus jenes Herrn, der der ängstlichen Bevölkerung auch beweisen wollte, dass man keine Angst haben müsse vor dieser Höhe

Die Brasilianer wollten einfach schon eine ganze Weile die Europäer zum Einwandern nach Brasilien bewegen und ließen sich viel einfallen, doch die Hochhauskünstler zogen weiter in den 20er / 30-Jahren in die USA und trieben es dort weiter. Heute ist São Paulo die Stadt mit den zweitmeisten Hubschraubern...

Wir sahen wie in Rio die verschwundenen Flüsse, durch Straßen ersetzt, kahlgeschlagene Schneisen im Stadtbild, große Standbilder und Köpfe von Jesuiten und Franziskanern, eine Kathedrale, die erst 1912 errichtet wurde, Benediktiner, Karmeliter und Franziskaner als das Heilige Dreieck, nachdem die Jesuiten als erste begonnen hatten, mit den einheimischen Indianerstämmen und -gruppen eine Verständigung hinzubekommen, was wiederum den nach billigen Arbeitskräften suchenden Großlandwirten gar noch gefiel, (Zur Zeit des Goldrausches 1700 - 1770 waren Arbeitskräfte kaum noch auf dem herkömmlichen Wege zu bekommen: Wer konnte, suchte Gold und Smaragden -
Zeit für die Sklaverei....)

So dass die Gründer der Stadt São Paulo im Jahre 1554 des Landes verwiesen wurden - und erst viel später zurückkehren durften. Dass der Gründer, Padre Anchinetta, Jesuit, vorher Jude, Portugiese heute verehrt wird, ist wohl Teil der Reintegrationsgeschichten, die überall auf der Welt immer wieder gern ausgespielt werden.

Was hilft es: Unser Ortskundiger konnte nur selten alle Sieben von seinem Wissen begeistern,
so dass desperate Bewegungen in der aufziehenden Mittagssonne Ermüdungserscheinungen sichtbar werden ließen. Egal. Es war ja freiwillig, außerdem ist Wochenende und wir sind in Brasilien....

Ramos de Azevedo und sein Buero steht fuer viele Gebäude, wie das Stadttheater mit drei Sparten.
sonst hält sich die Stadt aus der Kultur weitgehend heraus.

Oskar Niemeyer ist der andre Name, den jeder kennt und als wir auf der Suche nach solchen Orten in einen schönen Park fuhren, fanden wir in der Tat ein tolles Ausstellungshaus bauhausgeneigt, doch,
wie kann es anders sein, in restauro. Nebenan jedenfalls stolperten wir führerlos in ein Museum der afrikanisch-brasilianischen Kultur - und waren begeistert ob der vielfältigen gr0sszuegigen Gestaltung. Nein, freier Eintritt bedeutete nicht doof. Nur dass die Einwohner dieser Stadt Museen nicht so sehr mögen sollen, nur Schulklassen... Sehr beeindruckend eine Großbildserie von gegenwärtigen afrikanischen Monarchen... wenn wir nicht schon so viele Kilometer hinter uns gehabt hätten, wir waren länger geblieben: KULTURTIPP!!!

Dann verdunkelte sich der Himmel und es kam ein Unwetter hernieder, das sich gewaschen hatte, und als sich der Deckel des Abflusses anhob und Wasser nach oben beförderte, konnte ich mich gerade noch retten....aber der flache Regenbogen folgte der Sonne, die auf die reißenden Bäche in den Straßen herabschaute...Typisch dramatisch. Wasser braucht die Stadt ja.....

All die ohne Dach liegen weiter in den Straßen herum und können nicht anders und in der Mitte der Stadt ist es wohl am sichersten... Polizei überall. Doch halt, was machen denn die Smartphones mit den Sicherheitskräften?
Taxisfahrer haben gerne kleine Fernseher von einer Größe von ca. 6 x 9 cm, Obstverkäufer auch und der Bankbewacher nimmt eine Köperhaltung ein, die es ihm erlaubt, smartphonekontaktet zu bleiben bei der langweilgen Bewacherarbeit....

Bald sehen wir es wieder von oben, dann aber wird es dunkel sein, wenn wir am Montagabend nach 21 Uhr abfliegen....

Ich danke für die Begleitung

Samstag, 7. Februar 2015

São Paulo, Freitag, 6. Februar 2015 - WORK IN PROGRESS oder Magic Moment at Santa Cruz


Goethe war ja einem Betriebsausflug zum Opfer gefallen, so dass der heutige Vormittag völlig programmlos dalag und die Kreativkräfte der konzentrierten Studiengruppe gefragt waren.
Die morgendliche Sonne erfreute die Gemüter, nachdem der gestrige Tag ja bis hin zum legendären Ausflug nach VAIVAI voll feucht war. Stimmungssteigernd erwies sich ein unerwarteter, aber hochverdienter Ausschreibungssieg unseres Dienstleistungsspezialisten. 

Manchmal, so sinnierte er, gibt es vielleicht doch Gerechtigkeit.

Renner war das Kunstmuseum, welches angepriesen wurde als das Spitzenhaus seiner Art in Südamerika, fußläufig in gut zehn Minuten erreichbar. In der Tat finden sich viele alte Meister und die individuelle Betrachtung der Gemälde kann wirklich sehr ungestört geschehen, denn nur wenige Menschen zieht es an einem Freitagvormittag hierhin. Es ist sogar erlaubt, blitzfrei zu fotografieren. Doch die Hängung in dem kastenförmigen Raumgebilde scheint wasserwagengeschultem Nagelpersonal überlassen gewesen zu sein, denn das einzige, was stimmte, sie hingen alle gerade. Auch die Abstandssicherheitslinie auf dem Fußboden war korrekt und ohne Alarmkontakt.
Das Privileg, Fotos machen zu dürfen, nutzte ich nun weidlich aus, um meine Handy-Portrait-Sammlung zu erweitern. Durchaus eine lohnende Ausbeute.
Die Suche nach fachkundigem Personal mit Sprachkenntnissen jenseits der Landessprache erwies sich als vergeblich, so blieb am Ende nur ein Blick in eine andere Etage, die die Zusammenhänge auf einer Tafel auch in englischer Sprache zu erläutern verstand.

Unter der Überschrift WORK IN PROGRESS erläutern hier die Kuratoren, dass sie gerade dabei sind, die Archive und Vorräte zu sichten, Literatur durchzugehen und nach und nach einzelne Werke der Öffentlichkeit in einem noch zu definierenden Zusammenhang präsentieren zu wollen, um alle Facetten der bildenden Kunst dem Publikum nahebringen zu können. Da es WORK IN PROGRESS sei, könne man keine Daten und Themen benennen, werde das Publikum aber auf dem Laufenden halten. Und in der Tat fanden sich hier etwa 30 gleich hoch gehängte Werke brasilianischer Künstlerinnen und Künstler, die eine gewisse Bandbreite vermuten lassen. Kilometerweite Fragen nach der offiziellen Kunstpolitik springen einem da entgegen... ratlos...oder erklärt dies die unglaublich entwickelte Karikatur- und Graffiti-Kunst.
Ich gehe nicht, ohne mir meinen Museumsbleistift zu sichern sowie eine Postkarte aus dem Sortiment von 6.

Der Zugang war gut gesichert, Taschen wurden angeschaut, neben dem Sicherheitspersonal hält sich ständig Polizei in der Nähe auf. Die Eintrittskarte berechtigte zum Betreten des Sicherheitsbereiches. Der Fahrstuhl wurde von einer sehr freundlichen Fahrstuhlführerin sicher auf und ab gesteuert.

Meist schwarz gekleidete Männer, meist zwei, manchmal vier, sind vor jedem einzelnen Restaurant zu sehen, vor fast jedem Laden, Kameras sowieso. Ob sich das nur auf die Innenstadt beschränkt, kann ich nicht sagen, doch ist hier ein erheblicher Beschäftigungseffekt zu registrieren.

Alle Sieben waren um 13 Uhr fast vollständig versammelt, um sich auf dem Weg zu einer katholischen Privatschule zu machen, da versuchte ein plötzlicher Platzregen die Abreise zu verhindern, doch alle kurzfristigen Überschwemmungen blieben vergebens. Wir erreichten Santa Cruz rechtzeitig. Deren Leiterin hatte uns vor knapp zwei Jahren spontan aufgesucht und es hatte sich ein guter Gedankenaustausch entwickelt. Nun war die Gelegenheit zum Gegenbesuch! Damals gab es noch keinen Gedanken an diese Studienreise.

Der Zugang des 5000qm großen Campus ist gesichert. Ein Bote brachte uns hinein. 1952 hatten katholische Mönche aus Franco-Kanada beschlossen, eine Schule zu gründen. Es gelang Ihnen, die kanadische Stromgesellschaft zu bewegen, dieses bislang landwirtschaftlich genutzte Grundstück dem Orden und damit der Schule zu schenken. Heute ist die Gegend gut verbaut, kleine Häuser überall, eine gute Wohngegend. Kindergarten und Schule beherbergen heute 2600 Kinder und Jugendliche, deren Eltern bereit sind, umgerechnet 1000 Euro monatlich aufzubringen. Der Campus macht einen sympathischen Eindruck, die einzelnen Gebäude sind den verschiedenen Altersgruppen zugeordnet: Kindergarten, Grundschule, Middle School, High School. Daneben gibt es Sporthallen, einen großen Fußballplatz, einen Theatersaal mit 500 Sitzplätzen, zwei Kapellen, mehrere Brunnen für Grundwasser.

Cristine begrüßt uns alle sehr herzlich. Sie ist die pädagogische Leiterin und hat den General Manager gleich mitgebracht. In seinem Buero verbringen wir 90 Minuten lang ein sehr intensives Gespräch, welches auch von der Human Relations Fachkraft besucht wird, wie auch dem Finanzchef. Verständigungssprache ist Englisch, doch Cristina verspricht, ihr Deutsch bis zum nächsten Besuch in Berlin zu verbessern.
Wir lernen, dass auch hier seit nicht allzu langer Zeit kostenfreie, grundlegende Erwachsenenbildung für Einkommensschwache abends von 18 - 21 Uhr angeboten wird. 600 Menschen nutzen dies derzeit.

Die Nachfrage übersteigt die Plätze um ein dreifaches, so dass seit kurzem 40 der 160 Plätze in einer öffentlichen Veranstaltung ausgelost werden. Den guten Ruf der Schule, den viele wohlhabende Eltern in fortlaufenden Generationen nutzen, führen unsere Gesprächspartner ( ¨Im Gegensatz zu Europa haben wir keine kleinen Klassen, 24 in der Kitagruppe, 40 in der Oberschulkasse) nicht allein auf sehr gute Ergebnisse im akademischen Bereich zurück, sondern sie denken, dass der Humboldtsche humanistische Bildungsansatz, der das kritische Denken fördern will und also auch wissenschaftlich und 
fächerübergreifend arbeitet, Klassenfahrten in allen Jahrgangsstufen und Arbeitsgemeinschaften neben dem klassischen Schulunterricht in ihrer Gesamtheit zur Beliebtheit der Schule geführt haben. 

Hinzu kommt, dass der Orden einen guten Namen hat, die katholische Schule weder von seinen Beschäftigten noch von den Eltern die Mitgliedschaft in der katholischen Kirche fordert, sondern sich als Teil einer Vielfaltsgesellschaft fühlt. Etwa die Hälfte der Schüler sind katholisch; jeden Nachmittag findet eine heilige Messe statt. Der General Manager war selbst Schüler hier und jubelt über den neuen Papst.

Wir erfahren, dass neben 280 Lehrkräften weitere 280 Menschen als Hilfskräfte in allen Lernlagen tätig sind, um den Lehrern das Leben zu erleichtern. Die bevorstehende Dürre wird den Schulalltag nicht direkt betreffen, denn es gibt schuleigene Brunnen. Doch für die Kinder zu Hause wird es schwer. Ich rege an, künftig neben Wasser-Projekten, sich auch dem Thema Gutes Regieren zuzuwenden.
Wir sehen einen frischen Film zu den aktuellen Baumaßnahmen. Ziel ist es, alle Autos vom Campus zu vertreiben. Hierfür wird eine Tiefgarage gebaut, die 250 Fahrzeugen schattigen Platz bieten wird. Unsere Gastgeber interessieren sich für unsere Arbeit und drücken ihr Interesse an einer Fortsetzung des Austausches aus. Diesmal klingt es echt.

Das mag auch darauf zurückzuführen sein, dass es unserem Musikbeauftragten gelungen ist, die entsprechende Ader des General Managers zu treffen, so dass sie endlich gemeinsam in seinem Buero ein Lied sangen.
Es zeigte sich nicht nur, dass unser Mann mehr brasilianische Musiker kennt als die Eingeborenen, sondern auf der Suche nach Musikernamen in seiner Handmaschine auf eine Deborah traf, deren Tochter Dani zu seinen Favoriten zählt, was jenen Leiter verleitete zu sagen, dass Dani hier zur Schule gegangen ist und man sich gut kenne und wann und wo das nächste Konzert stattfindet...

Wenn sich Kreise schließen, von denen man nicht wusste....

Ein zwischenzeitlicher Rundgang wurde durch heftigen Regen behindert, doch der Gedanke einer möglichen Zusammenarbeit konkretisierte sich, wenn denn einzelne Schüler in Familien untergebracht werden können, wenn Leitungskräfte für ein paar Wochen die andere Schule besuchten...

Der Theatersaal war der geeignete Ort für ein Gruppenfoto, die Kita der Ort mit den größten Aktivitäten am Freitagnachmittag.

Unsere Geschenke wurden wohlwollend entgegengenommen, ein Schirm zum Abschied das jahreszeitlich angemessene Geschenk.

Versorgt mit guten Hinweisen für anregende Musik und Essensorte, einen, das oba, probierten wir sogleich am Abend aus, wie Kulturgebäude und Parks vervollständigte unseren Ausflug in eine wohl der besten Privatschulen der Stadt. 

Es blieb dieser magische Moment unseres Musikbeauftragten, von dem er sich so schnell nicht erholen wird.

Welt klein, manchmal, wenn Augen offen, Ohren offen, Herz offen...