Freitag, 24. Juni 2011: Out of Novosibirsk
Der heutige Tag war ein Ausflug an zwei Orte außerhalb von Novosibirsk mit den Anlaufstellen
- KOLYWAN
Ein Dorf mit einen Verwaltungschef, der sein Dorf wohl nie verlassen hat, einem Museum, orthodoxer Kirche samt Kloster und Klostergarten nebst Tauf, Fotoverbot, Platzregen, ein neues Denkmal für den heiligen Nikolaus, ein Kinderheim mit Schule für 123 Kinder
und
- TULINSKY,
eine Siedlung, ursprünglich für die deportierten Deutschen errichtet, mit einem neuen Bildungszentrum, einem Verwaltungschef, der im Ausland war, Werkstätten und einem Projekt vom Präsidenten unter dem Namen „Distanzbildung für Behinderte Kinder mit begrenzten Gebietsmöglichkeiten“.
Die früheste Rückkehr der ganzen Woche, um 19 Uhr am Hotel, war auch der Tatsache geschuldet, dass unser kleiner gesponserter Kleinbus einen neuen, aber ortskundigen Fahrer bekommen hatte: Alles gut. Natürlich wurden wir gut mit Essen und Trinken versorgt.
Morgen werden wir noch den Don anderthalb Stunden befahren, ich möchte noch den Bahnhof sehen, einen Friedhof und Konsum versuchen, wenigstens ein Geschenk, oder zwei. Katzen habe ich schon entdeckt, die scheinen recht populär zu sein, doch mit Eisbären sieht es mager aus. Komisch. Es wurde schon fast zum „running gag“ bei meinen Delegationskolleginnen und -kollegen, wenn ich die Schulleiterinnen der verschiedenen Schulen nach Eishockey fragte, wenn sie stolz ihre patriotischen Pokale und Medaillengewinner im griechisch-römischen Stil, Takewando, Basketball, Judo, Tennis und Fußball zeigten (nicht aber im Turnen und Schachspielen). Eishockey scheint ein heißes Eisen, die lokale Mannschaft soll aus der ersten Liga abgestiegen sein, doch hin und wieder raunte man was von großen Stars…Die Sporthallen haben alle einen harten Holzboden, wenig gefedert, keine Ringe, kein Reck, kaum Sprossenwände, eigentlich vorwiegend für Basketball, Volleyball, Sitzfußball, Rumlaufen…Ob die Decken dicht sind, die Heizung im langen Winter (ab November soll alles zu sein) den Anforderungen noch standhalten, das fragten wir gar nicht. Stolz waren sie auch trotzdem immer, wenn sie uns ihre Halle zeigten.
Die Fahrt dauerte eine Stunde und wieder wurden die Zeitpläne nicht eingehalten und wieder waren alle ganz geduldig und freundlich und fühlten sich geehrt, obgleich wir wieder begleitet wurden von einer Dame vom Ministerium und einer Schulleiterin, die beide jedoch die ganze Zeit über nichts sagten, keine Notizen machten, nur ruhig und interessiert der Dinge harrten, die sich da ereigneten.
Erstmals reisten wir durch die Wälder und Landschaften, ließen einen Friedhof direkt an der Straße rechts liegen, der sich in den Wald gearbeitet hatte und mit Kleinverkäufern gesäumt war. Es scheint, die Toten werden besucht. Dies war nicht weit weg von dem, wovon immer wieder gesprochen wird, wenn es um Einkommen und Lebensstand geht – wie in Istanbul – der Datsche, die wohl dazu gehört, wenn man groß ist, wo sich die Familien auch hier gerne drei Monate lang aufhalten, die nicht wie Einzimmerhäuschen aussehen, sondern hölzerne, bisweilen auch steinerne Ein- bis Zweigeschosser, die einen eigenen Hausstand zu beherbergen scheinen. Am liebsten mit Tersse! Im Vorbeifahren sahen wir auch einige sehr malerisch im Wald gelegen, wir stellten uns die früher anhaltende Hitze vor, die ja in den Städten noch viel schwerer zu ertragen ist, und dachten, ja, so kann man auch leben. Die Gewichte verschieben sich. Schulleute haben ja auch fast drei Monate Pause, Anfang Juni wird der Betrieb eingestellt. In diesem Jahr hatten sie einen sehr kalten Mai, ganz überraschend und erinnerten sich an den doofen letzten, verregneten Sommer, so dass wir ihre Laune aufmuntern mussten, als wir an die großen Waldbrände mit vielen ausgebrannten Dörfern und Datschen erinnern mussten. Das hatten sie dann zum Glück nicht. Doch die Moskauer – und ihre Umgebung – sind hier sowieso nicht ganz so angesehen, vielleicht ähnlich wie es die Österreicher mit den Wienern halten.
„Reisen bildet“ hatten die deutschkundigen Sibirer noch nicht in ihren Sprachkodex aufgenommen, wiederholten es ein, zwei Mal und nickten dann suchend, wissend, verständig, zustimmend. Es sind ja auch die Bilder von Landschaften, Menschen, Gebäuden, Tieren und anderen Reisenden auf der Schiene, dem Wasser, der Straße oder einem Weg, die aufgenommen werden, selten mit der technischen Hilfe eines Fotoapparats – Danke, Sanne, noch mal für die Ausleihe deiner tollen Kamera, nur gefilmt habe ich damit noch nicht – aber mit den Augen und sie wirken weiter über den Moment hinaus, zumal, wenn man nicht anhalten kann: Wir haben ja Termine. Es sind dann auch die Begriffe wie „Sibirien“, die man versucht zusammenzubringen, mit dem, was man sieht. Die Gedanken sind schnell, und schon kommt der nächste Eindruck. Das macht Reisen so anstrengend, all die Bilder, Assoziationen, Erinnerungen, Gefühle, Szenen, Vorurteile, die Bilder, die man sich vorher gemacht hat.
Dies war also lange das Ende der Welt -
- für die Abenteurer, die Pelze jagten und dabei strandeten und Siedlungen gründeten oder Truppen nach sich zogen, die die echten Sibirer vertrieben, ausrotteten. Heute sagen die Russen, die hier leben, sie seien Sibirer, und fürchten die Nachbarn der früheren („echten“) Sibirer,
- für die Verbannten, die der Zar als Revolutionäre nicht mehr im Adel von St. Petersburg haben wollte, dabei aber vergaß, dass das Ende der Welt auf der anderen Seite weitergeht, so dass einige über Japan und Amerika zurück nach St. Petersburg kamen, ohne dass dies bemerkt wurde, denn in der Verbannung wurde wohl nicht Buch geführt. Genau schien man damit gewesen zu sein festzulegen, ob die Verbannung befristet war auf drei oder fünf Jahre oder lebenslänglich. Genau war man damit sicherzustellen, dass die Verbannten in Handschellen dorthin gebracht wurden, oft zu Fuß von vielen verschiedenen, nicht alle kamen an. Aber wenn sie begleitet werden wollten, die Verbannten, wie die aus St. Petersburg, die Revolutionäre genannt wurden, dann war man nicht mehr genau. Die Frauen gingen mit in die Verbannung. Selbst Schuld, dachte man – oder ganz schön blöd. Verbannung war Strafe genug und auch nur als Strafe gedacht. Ob der Verbannte „geläutert“ zurückkam oder sich überhaupt Gedanken machte, war egal. Sie lebten in Dörfern mit normalen Menschen und gingen einer Beschäftigung nach. Sie konnten Besuch empfangen. Lenin schrieb in der Verbannung einige seiner Schriften. Vielleicht genau die Ruhe, die er brauchte, um berühmt zu werden und missverstanden(?!?). Römer und Griechen kannten diese Strafe schon und sie wurde meist auch als sehr hart empfunden, herausgerissen zu sein aus seiner Polis, seiner Gemeinschaft. Heute ist sie irgendwie aus der Mode gekommen. Hausarrest ist davon noch übriggeblieben.
- für die zum Straflager, Arbeitslager, Gulag oder Kriegsgefangenenlager Bestimmten, die ihrerseits nun keineswegs über ihr Tun und ihre Zeit verfügen konnten, sondern streng bewacht in engen Behausungen Arbeiten unter schwersten Bedingungen zu verrichten hatten und haben und sehr selten Besuch bekommen dürfen. Diese Hunderttausende, Millionen von Abgeschobenen, Ausgebeuteten, Geknechteten, Geschundenen, von denen viele starben, bevor sie frei kommen sollten. Sie stehen auch für Sibirien, aber niemand hat uns einen Gedenkstein für sie gezeigt, nicht in Novosibirsk, nicht in der Umgebung, wir haben aber auch nicht danach gesucht, danach gefragt. Ist das Kapitel denn vorbei, das braucht es doch, wenn man Steine setzt – und Arbeitslager werden – hört man – weiter betrieben, nicht mehr so groß, aber weitgehend unbeachtet. Strafvollzug scheint ja auch zu den „inneren Angelegenheiten“ eines jeden souveränen Staates zu gehören, über die man nicht spricht, weil dass den anderen Staat, die andere Kultur herabwürdigen könnte, wie die Erlaubnis Auto zu fahren für Männer oder Frauen (Saudi Arabien), klassische Musik zu hören oder spielen (Iran), unangeklagt eine Reihe von Tagen eingesperrt zu werden, ohne dass jemand Bescheid wissen muss (30 Tage in Russland), Fotografieren von Kirchen, …Diese Dimension von Rechtsstaatlichkeit haben wir nur wenig berührt, als wir das Kinderheim besuchten und unser Stadtrat nach den Rückkehrmöglichkeiten der Kinder fragte, die aus der Familie genommen wurden. Ja, es ist das Staatsverständnis um das es hier geht, welche Macht sich der Staat nimmt, besser selbst gibt. Was ist eigentlich in Syrien los? Lange nicht mehr nachgedacht über die Mutigen, die sich entgegenstellen, Kopf und Kragen riskieren…
Sibirien ist ja noch weit, sehr weit nach Osten von hier aus. Im Dorfmuseum von Kolywan sahen wir nicht nur den Weg der Verbannten von St. Petersburg aus, lange bevor die Transsib gebaut wurde, wir lernten auch, dass dieser Ort lange die südliche Vorposten Russlands war, das Ende der Welt also, wie man es sich damals vorstellte. Hier ist sie wieder die Perspektive, die europäische. Der Ortsvorsitzende hatte beim Ministerium durchgesetzt, dass die deutsche Delegation ihn zuerst besucht. Das taten wir, in seinem Büro, artig, folgsam, formal, kurz: Freundschaft. Im Postamt gegenüber gab es auch keine Postkaten, nur Glückwunschkarten, auch keine Briefmarken. Die Ministeriumsfrau sagte: Ich weiß, wo es welche in Novosibirsk gibt. Unser Stadtrat raunte: Wenn das schon wieder jemand sagt, weiß man, dass sie keine Ahnung haben. Er, der Verwaltungschef, begleitete uns auf den Stationen Heimatmuseum, ehemaliger orthodoxer Dom mit Kloster für Nonnen, Nikolausstein und Kinderheim, wo ein lokaler Fernsehsender Frau Dr. B. und den Stadtrat interviewte, den Rundgang im Haus mitmachte: Nein, in Novosibirsk ist dieser Sender nicht zu empfangen. Der Ort Kolywan hat 8.000 Einwohner, das Gebiet 13.000. Es finden sich hier, sagte die für Bildung Verantwortliche, 23 Schulen, 7 Kitas, 1 Sonderschule, 1 Sportschule, 1 Schule für Kinderkreativität, 900 Lehrerinnen und Erzieherinnen unterrichten 3.500 Kinder und Jugendliche – kleine Einheiten auf dem Lande also, aber immer noch größer im Schnitt (257) als Ilses Grundschule in Kolenfeld!
Wie öfter heute bekamen alle unsere Russischstämmigen einen lang anhaltenden Lachanfall und konnten sich kaum beruhigen, als sie neben dem Dorfmuseum ein großen braunes Schild mit der Aufschrift „Stadtgarten“ auf dem großen freien Feld sahen und sich an andere Parolen erinnert fühlen mussten, die in der Gegenwart keinen Bezug aufzufinden hatten. Die Befreiung des Lachens! Aber im Hause des Museums, dessen Exponate uns die Direktorin persönlich erklärte, waren wir beeindruckt ob der Vielfalt an Exponaten bis hin zu Originalhelmen aus der zweiten Weltkrieg von Sowjets UND Nazis.
Eine Singer-Nähmaschine kostete seinerzeit 10 mal so viel wie eine Kuh. Das kann man sich vorstellen. Im Souvenirschrank erstand ich zwei Kästchen, die fünf Angestellten mussten sich erst sortieren, wer für den Schlüssel zuständig ist und Bezahlen war auch eine Herausforderung, kommt wohl nicht so oft vor, klappte aber alles quittungsfrei.
Tolle alte 100 Jahre alte Fotografien, Kunsthandwerk auch gerne katzig, eine Super-Sammlung von Fingerhüten und die Sammlung der Medaillen der Dorfprominenz mit Orden. (Nein, Sanne: Dem Wunsch nach Orden konnte ich bis zum Ende befriedigen: Ich hatte genug Pins „ich bin ein Berliner“ erfeut Sibirien!)
Nicht weit entfernt davon, am Rande eines kleinen Waldes, zeigte man uns ein Denkmal vom heiligen Nikolaus, welches erst am 29.Mai dieses Jahres feierlich eingeweiht wurde. Dies sei geschehen, weil Nikolaus so viele Menschen geheilt habe. Ich frage, ob dies auch Leute aus diesem Dorf gewesen seien, und erntete komische Blicke. Nikolaus ist doch schon seit mehr als 1.800 Jahren tot. Na und??? Die orthodoxe Kirche hat offensichtlich wieder Fuß gefasst. Im nahen Dom erlebten wir das Ende einer Einzeltaufe durch den Patriarchen und fanden eine überglückliche Mutter vor, die sich kaum beruhigen konnte vor Glück. Sie war extra angereist aus Novosibirsk, wollte unbedingt die Taufe hier und nicht das Übliche: Eine Massentaufe von 30 bis 40 Säuglingen sei normal. Diese echten Gefühle haben nix mit dem machtpolitischen Austausch vieler Leninorden mit dem Kreuz zu tun. Eine ganze Reihe von Kadern sei in den frühen 90er Jahren schnurstracks zu Würdenträgern der orthodoxen Kirche geworden und nähme dort hohe Funktionen wahr. Das sei alles problemlos und recht geräuschlos über die Bühne gegangen. Lupenreine Demokraten. Sorry: Kirche und Staat sind ja auch in Russland getrennt.
Exkurs: Nicht nur in Ostwestfalen-Lippe sondern sich eine ganze Reihe von Ex-Russen in methodistischen oder evangelikalen Gruppierungen ab, gründet eigene Schulen, um so dem Homeschooling-Verbot der deutschen Schulpflicht zu entgehen. So bleiben sie unter sich und von „Integration“ spricht man nicht, weil das Bestimmungsrecht der Eltern sich über das der Kinder stellt. Religiöse Rechte und kulturelle Traditionen dienen hier wie anderswo zum Gegenteil von Teilhabe und dem Anspruch des Kindes auf eigene Entscheidungen. Wir kamen darauf, weil einerseits minderjährige Eltern oft überfordert sind, Angebote des Jugendamtes jedoch freudig annehmen oder als Schnüffelangriff des Staates zurückweisen. Das Recht der Eltern und die Wachung des Staates. Ein Balanceakt.
Das Hunde-, Foto-, Foto- und Rauchverbot am Eingang zum Klostergelände mit ehemaligem Dom, den die Kommunisten 1975 nicht ganz zu sprengen vermochten, trieb eine vor Wut entbrannte, burkaähnlich verhüllte Nonne auf eine fotografierende Delegationsteilnehmerin zu, um ihr das Bildermachen zu untersagen. Also keine Nonnen, jedenfalls nicht von vorne. Dann hieß es: Nicht in der Kirche. Wieso eigentlich. Den Patriarchen bat ich um ein Foto, sagte er hätte noch was Wichtiges, wohl mit dem Dorfältesten, zu klären, doch er erschien dann nicht. Darauf wollten wir nicht warten. Die Kirche war schön, auch ihr werdet es sehen können. Warum auch nicht. Postkarten jedenfalls verkauften sie von der Kirche keine, nur Ansichten auf einem Kalender des Doms von außen. Von einem Bilderverbot bei den Orthodoxen ist mir nichts bekannt, wäre auch komisch, haben sie doch viele schöne selbst in ihren heiligen Räumen.
Jedenfalls gab es keine Proteste mehr wegen des Bilderverbots. Der Zulauf zu den Orthodoxen und deren Machtzuwachs im vaterländischen Russland deutet eine unschöne Kontinuität an. Wie hieß es gestern: Nicht alles war schlecht…
Zur Strafe hatte es sich am Himmel zugezogen, Wind kam auf. Unser Stadtrat suchte noch ein Andenken, die Kräuter- und Blumenfrauen als Nonnen zogen sich aus en Beeten langsam zurück, da begann es schon schnell und heftig zu regnen und erwischte unseren Nachrückenden mit vollen Eimern. „Kann ich helfen“ erwiderte er damit: Ein neues Hemd könnte ich brauchen. Da ich dies fast Selbstgespräch nicht überhören konnte, ich saß im Bus hinter ihm, holte ich aus meiner immer griffbereiten Reisetasche mit Heften und Broschüren, Ministadtplänen und Schlüsselbändern, Taschen vom Kant-Bildungskongress und Schulkleidungsmustern für interessante Schulen ein weißes M-Schul-T-Shirt der Internationalen Schule Berlin hervor, welches ihm wie ein Wunder vorkam und prompt passte. Er freute sich ob der trockenen Kleidung und durfte das Souvenir am Ende auch behalten, weil´s gefiel. So soll´s sein. Gott sei dank oder dem Regen oder der Tasche. So wurde denn meine Tasche zur Wundertasche. Danke, Nikolaus!
Es regnete heftig, bis wir das Kinderhaus erreichten und im Trockenen waren. 12.30 Uhr. Der Leiter begleitete uns: „Kommen Sie bitte mit in mein Zimmer?!“ Nein, er wohnt 30 km entfernt, arbeitet aber für 35.000 Rubel von 7 bis 22 Uhr und hat 99 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wovon einer nachts wacht und nicht schlafen darf. Was verdient eigentlich ein Schulleiter in Deutschland? Gute Frage, wie will man die Eurobeträge vergleichen. In Russland kommen 15% Steuern runter. Die offizielle Begrüßung in seinem Büro lieferte uns die Zahlen, soweit sie verfügbar waren: 123 Kinder leben hier, gehen hier zur Schule (Klasse 1 – 9, wer langsamer ist, wiederholt ein Jahr oder zwei) und können auch ihre Ausbildung machen. Spätestens mit 23 müssen sie raus, am liebsten in die Gegend, aus der sie gekommen sind. Sie schlafen zu Dritt oder zu Fünft. Die Verantwortlichen sagen, sie freuten sich, wenn für die Waisenkinder eine neue Familie gefunden wird. Und man glaubt es Ihnen. Mit Adoptionsagenturen haben, die Kinder ins Ausland vermitteln, haben sie gemischte Erfahrungen, bleiben aber trotz schlechter Erfahrungen im Einzelfall dran, ermutigen die neuen Familien aus dem Ausland, den Kontakt zur Heimat in Russland zu pflegen.
Sie haben aber auch Kinder, die aus der Familie genommen wurden, weil die Eltern nicht klar kamen. Die dürfen ihre Kinder dann auch nicht besuchen, aber die Verwandten am Wochenende. Wie schnell geht das denn mit dem Herausnehmen aus der Familie, wenn der Staat sich so stark fühlt wie der beste Oberpädagoge???? Nein, man versuche, Eltern und Kinder wieder zusammenzubringen, doch Fakten nannte man uns nur bei Waisenkindern. Acht fanden im letzten Jahr eine neue Familie.
Inklusion ist hier auch ein Thema. Aber Barrierefreiheit herrscht hier nicht. Das zuletzt vor acht Jahren renovierte Haus sieht verglichen mit den meisten von uns besuchten Schulen passabel aus, doch innen ist es eng, alte Leitungen, alte Fenster. Kein Energiesparhaus. Wir besichtigen Werkstätten für Holz, Kochen, Basteln, Handwerk, die Sporthalle, die Sozialarbeiterin, die Ärztin, die Küche, die Mensa mit kleinen Jungens.
Alles einfach, aber freundlich. Keine Vorlesebücher im Schlafzimmer. Wie will man ein Zuhause ersetzen? Die Kinder dürfen sich aber frei im Dorf bewegen, keine Gitter, kein Knast.
Wie werden beköstigt und warten bis die Fernsehfritzen weg sind. Nein, Geld er ab. Der zusätzliche Termin hatte die Geschenkefront geschwächt. Dann schicken wir ein Kuscheltier. Gut. Danke. Weiter. Eine lohnende Ergänzung dieser Besuch. Viele Fragen bleiben offen: Wie geht es den Kindern denn wirklich?
Unsere Übersetzerin, eine 25-jährige Lehrerin, stammt aus diesem Ort, dieser Siedlung Tulski, wusste aber nicht mehr, wann ihre Großeltern Wolf hier hin verfrachtet wurden. Sie blieben dann, als sie wieder weg gekonnt hätten. (Deutsch hat sie erst wieder in der Schule gelernt, heute unterrichtet sie dieses Fach und arbeitet nebenbei (wie alle das tun) an dieser Einrichtung im Projekt Distanzlernen.) In der Ukraine war auch nichts mehr so wie vorher. Zum Finale begrüßte uns ein überaus dynamischer, Energie geladener, optimistischer und gebildeter Leiter, Principal Igor Kotov, ihr Zweitchef.
Die Vorläuferschule war 1934 errichtet, das heutige Bildungszentrum für die 3.100 Einwohner der Siedlung 1998: Grundschule, Oberschule, Berufsschule, Traktorfahrschule, Weiterbildung und seit 2010 ganz neu Fernlernen für behinderte Kinder in der Pampa, nein, in der sibirischen Steppe. Großzügig gebaut, hell, viele Blumen und Pflanzen, eine Bibliothek für die Nachbarschaft, eine für die 240 Schülerinnen und Schüler, eine Bastelwerkstatt für die Mädchen mit Puppen, eine Holzwerkstatt für die Jungen mit fein geschnitzten Holzbrettchen, eine Sporthalle, eine Aula, die eher ein Kino- und Theatersaal mit neuester Technik ist und auch von den örtlichen Honoratioren genutzt wird, ein schönes Motto der Schule: „Du sollst in die Welt lächeln und die Welt gibt dir ein Lächeln zurück.“ Die Kinder sind ja schon alle in den Ferien, doch dies Bildungszentrum ist nicht nur eine Schule, sondern eine Anlaufstelle für die ganze Siedlung, eine „Gebietseinrichtung“. Platz ist für 360 Schüler. Man wächst und konnte nicht alle Erstklässler aufnehmen.
Der Tisch ist gedeckt mit allen möglichen Vorspeisen, Zunge, Lachs, Stutenmilch müssen alle trinken, ganz frisch, Wurst, Schinken, Speck (gut für den Vodka, den fast keiner trinkt, nur ich und meine Nachbarin aus Bohnsdorf ein wenig), Obst, Brot, Tomate, Gurke. Dann eine Suppe, dann die Hauptspeise. Kaffee kommt zu spät. Wir fangen schon beim Essen an, das Konzept des Präsidenten zu verstehen, der im späten Dezember 2009 allen Regionen viel Geld gab, damit sie ein Internet gestütztes Unterrichtsystem für die leicht Behinderten aufbauen, ohne dass der Kontakt mit Lehrern abgeschnitten wird. Russlands Bildung ist doch zentral verwaltet. Moskau hatte also alles fertig, was an Inhalten eingefüttert werden könnte, allein, man verlangte von den Regionen eine derartig hohe Lizenzgebühr, das die stolzen und selbstbewussten Sibirer mit Ihren Hochschulen sprachen und die versprechen, ihnen dabei zu helfen, was Eigenes aufzubauen, was sie nun tun.
165 Kinder haben im ganzen Gebiet schon eigene Rechner, manchmal den ersten im Ort, und einen Internetanschluss erhalten und arbeiten mit diesem Programm. 290 müssen bis 2012 erreicht sein, dann endet die Förderung und wer weiß, ob diese fortgesetzt wird. Ich wäre da nicht so pessimistisch, immerhin stehen doch Präsidentschaftswahlen vor der Tür. Aber in Russland weiß man nie und wenn der Hahn wirklich zugedreht wird, auch darauf bereitet man sich schon vor. Die einen von uns finden das das Ende von Bildung für Behinderte, weil es immer so anfängt. Die anderen sind begeistert ob der Möglichkeiten und wir alle verfolgen eine Lifeschalte mit einem Mädchen, das das toll findet. Nein, im Netz sind nicht die Inhalte, nur die Zusatzaufgaben. Wir wollen sicherstellen, dass die Einszueins Bildung für die Kinder bleibt. 200 – 500.000 Rubel kostet das pro Jahr und Schüler, doch die ewig weiten Wege für die Kinder, das Herausnehmen aus der Familie für eine Spezialschule ist auch nicht das Gelbe vom Ei. Fünf Leute arbeiten dauerhaft dran, insgesamt 160 Pädagogen, einer in Amerika, der kümmert sich um Englisch. Vielleicht geht da was. Deutsch ist zwar die erste Fremdsprache, doch die beiden Leiter sprechen kein Deutsch. Sie werden sich zu entwickeln wissen, sie sind schlau, waren im Ausland und sind doch zurückgekommen. Geht doch. Der Präsident lächelt selbstbewusst über dem Schreibtisch des Leiters, der uns alle mit Geschenken verabschiedet.
Unsere Übersetzerin bleibt in ihrem Ort zurück. Zum Hotel in die Stadt muss sie uns nicht begleiten. Am liebsten käme sie mit. Sie kann die Abschiedstränen nicht unterdrücken. Ich überlasse ihr einen Orden, eine Tasche, einen Stadtplan, eine Broschüre und den obligatorischen Orden da, einen Schlüsselanhänger und das letzte Kant-Kleidungsstück, eine dünne Regenjacke. Sibirien freut sich und weint.
Wir sind erschöpft und froh über die letzte anregende ermutigende Station auf der Fachkräfte-Bildungsreise ins unbekannte Land am Ende der Welt mit unbekannten Möglichkeiten und sichtbaren fehlenden Regeln. Wir lernen, dass für die meisten Sibirer, die wir getroffen haben, Deutschland viel näher ist als umgekehrt, dass sich Hoffnungen mit den Begegnungen verbinden. Sie suchen Deutschlehrer, wir Mathelehrer. Vielleicht geht da ja was. Selbst die, die ihre Kinder schon auf eine Klassenreise schicken, ist dieses ja mindestens einen Monatslohns wert. Und Vodkaumdiewettesaufen, war auch nicht nötig. Nur im Russisch-deutschen Haus kreiste der Alkohol beim Toastwettbewerb, doch das war Weinbrand.
Ich merke schon, zum Resümieren fehlt noch was, doch auch dieser Tag will nun zu Ende gehen, die Abreise vorbereitet sein. Mal sehen, ob der Ministerstellvertreter noch mit aufs Boot kommt, morgen. Gute Nacht für heute. Was für ein Geschenk eine solche Reise. Mein kleines schwarzes Heft, einGeschenk von Frau Redlich, hat noch andertalb Seiten frei. "Dichtung und Wahrheit" steht da und passt immer wieder.
HK Sibir Nowosibirsk heißt die Heimmannschaft. Früher natürlich Dynamo (was sonst!?) Nowosibirsk. Von Abstieg hab ich allerdings nix finden können. ;-)
AntwortenLöschenIch wünsche Dir eine gute und möglichst reibungslose Rückreise! Freu mich auf mündliche Berichte und Fotos!