Donnerstag, 23. Juni 2011

Novosibirsk, der 4. Tag, 22.6.: Akademgorodok orthodox "Es war doch nicht alles schlecht"

Nach den ersten drei sehr vollen Tagen frage ich mich, was es denn nun noch Neues zu berichten gibt. Gewisse Dinge scheinen sich zu wiederholen, andere Widersprüche werden offensichtlicher.
Der Gruppenzwist ist nicht ausgebrochen, es macht sich bisweilen Erschöpfung breit, nicht nur bei mir. Die Stimmungslage ist insgesamt als sympathisch-kooperativ, geduldig, manchmal apathisch-konstruktiv, meistens humorvoll, nie verkrampft zu bezeichnen. So langsam kommt das Ende in Sicht. Bereits  gestern war ich bereit den Mittwoch in Freitag umzutaufen, doch getauft wird hier ja kaum. Geht also nicht.
Die sengende Hitze ist vorbei. Wie gestern kamen auch heute ein paar Kleinschauer nieder, so dass ich einen sibirischen Regenschirm als Stütze bei den bisweilen langanhalten Vorträgen nutzen konnte. FARASZ, früheste anzunehmende Rückkehr in das Hotel aller sibirischen Zeiten seit unserer Ankunft: 22 Uhr im Hotel. Nun scheint das Programm wirklich auszuklingen. Morgen erst um 10 Uhr Abreise, heute ging es um 9 Uhr los. Drei Pkws von Lehrkräften ersparten uns einen der beiden orientierungsfreien Busfahrer und schenkte uns die Begleitung von zwei Lehrerinnen und der Leiterin jenes Gymansiums, welches als  erstes versucht, seine Nummer loszuwerden:  Sie haben sich den Hermelin als Maskottchen ausgesucht und der Schule ein Motto gegeben: Mit Liebe der Zukunft entgegen gehen.
Heute aber fuhren wir und zwar in die berühmte Forschungsstadt Akademgorodok, eine Stunde von Novosibirsk entfernt:
10 Uhr Museum der Geschichte der Sibirischen Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften
11.30 Uhr Ausstellungszentrum (Aquarelle)
12.oo Uhr Russisch-orthodox Gymnasium
13.00 Uhr ebenda: Runder Tisch mit dem bezirklichen Verwaltungschef des Bezirks Gordienko A.A., der Schulzuständigen und dem Patriarchen Sergeij Radoneschski: „Die Wege der Zusammenarbeit mit Deutschland“
15.30 Uhr Gymnasium Nr. 6 HERMELIN: „Die Erfahrung des Gymnasiums im Erlernen der Fremdsprachen. Internationale Partnerschaft“
18.30 Uhr Besuch einer Aufführung im Opernhaus von Novosibirsk

Emma unterrichtet Deutsch, fährt einen Toyota mit dem Steuer auf der rechten Seite, japanische Altwagen kommen in Kontingenten nach Russland. Nun hat man die Zahl der Falschlenkradautos limitiert. Mal sehen, wer die zählt. Sie spricht sehr gutes Deutsch und bestätigt die bisherigen Erkenntnisse über Zweitjobnotwendigkeit von Lehrerinnen, Abwehr gegen Fremdsprachenunterricht, fast vollständige Abwanderung der Russlanddeutschen. Im CD-Spieler liegt ein Italienischkurs: Mein Programm gegen Alzheimer. Sie hofft auf eine Klassenreise nach Italien, vielleicht in zwei Jahren. Dabei wird an ihrer Schule gar kein Italienisch gelehrt. Aber Latein. Das spielt vielleicht auch gar keine Rolle.
Die gerade abgereiste Gruppe aus China konnte auch kein Russisch, aber russische Schüler lernen Mandarin. Jetzt stimmt die Reihenfolge: Der Kleine lernt die Sprache vom Großen. Genau. Deshalb ist Sanne mit Niederländisch so exotisch. Und was ist mit den Russen und Deutsch, die „Blutsbrüder“ (siehe gestern)? Mit der Größe ist das wahrscheinlich auch eine Frage der Empfindung und nach Europa haben sich die Russen gerne hingezogen gefühlt – und abgestoßen. Bei uns lernt doch auch nicht viele Menschen Russisch, wenn sie nicht in Ostdeutschland sind oder selbst aus Russland kommen. Emma jedenfalls ist zufrieden mit ihrem Zweitjob an der Schule, Vertiefungskurse am Nachmittag, Deutsch-Seminare an der Hochschule, Naturwissenschaftler. „Alle an der Uni wissen, dass du ohne Fremdsprachen einpacken kannst.“ Und die Eltern der Kinder der Hermelin-Schule sind zu großen Teil aus den Unis in der Umgebung und bestehen auf drei Fremdsprachen für Ihre Kinder. Dafür zahlen sie auch zusätzlich Gebühren. 500 Rubel bringt eine Doppelstunde Deutsch, am besten geht Englischunterricht mit bis zu 750 auf die flache Hand.
Das was hier Gymnasium heißt ist in Wirklichkeit eine Gemeinschaftsschule mit Abitur. Emma ist Anfang 50, lebt auf dem Land, kümmert sich um ihre vergessliche 90-jährige Oma, ist modisch gekleidet und sieht viel jünger aus. Aus der Politik hält sie sich raus, hätte aber keinen gewählt.
Von der Initiative zur Reduzierung der zweiten Fremdsprache hat sie nichts gehört: „Das werden sich die Leute nicht gefallen lassen. Der Sozialismus ist doch vorbei!“
1957 beschlossen die Kommunisten, ihre militärisch-industriellen und Weltraumforschungen in einer Außenstelle bei Novosibirsk im Wald zu errichten – als Außenstelle der Akademie der Wissenschaften. Der Wissenschaftstar seinerzeit hieß Mikhail Alexeyevich Lavrentyev, vielfach Dekorierter, charismatischer Mensch,  wurde  Chef der Außenstelle Sibirien bis 1975. Durch ein Museum führte uns ein ehemaliger Oberst, der auch fünf Jahre im Leitungsstab in Wünstorf war und begeistert mit einem Zeigestock alle alten Dokumente und Exponate erläuterte, was dauerte, denn auch hier musste alles übersetzt werden. Die Russen waren ja nach dem gewonnenen Großen Vaterländischen Krieg voll auf Kriegsproduktion, Spitze in den Wissenschaften, gekränkt durch die amerikanische Atombombe und mit dem Sputnik wieder oben auf. In diese Phase viel die euphorische Weltwissenschaftsforschungsentscheidung im Wald Sibiriens, wo es ja kaum Menschen gab. Der Oberst rühmte die Besonnenheit und die Fähigkeiten der Wissenschaftler,  die Atombombenversuche bei Alma Ata so in der Lage gewesen sein zu steuern, dass nicht die ganze Stadt aus Versehen verstrahlt wurde. Diese irre Wissenschaftsgläubigkeit unter Hochdruck im Wettlauf der Systeme, koste es, was es wolle. Der Oberst war ganz in seinem Element und zog sein Programm bis zum bitteren Ende durch, lebt wohl immer noch im Himmel des frühen kalten Krieges: Gutes Rentnerprogramm.
Ein Zwischenstopp zeigte eine Ausstellung mit schönen Aquarellen, Landschaftsbilder, zum Kaufen. Keiner tat es, einige bedauerten dies nachher.
Die orthodoxe Schule ist die einzige nicht-staatliche in diesem Bezirk mit 127.000 Einwohnern, von denen 36% in der Wissenschaft arbeiten und 45 staatliche Bildungseinrichtungen beherbergt, davon 22 Kitas, 3 Gymnasien, 18 allgemein bildende Schulen sowie 5 berufsbildende. Diese Schulen gehören zu den „besten Russlands“, erfahren wir mit Stolz vom Verwaltungschef später. „Sehr erfolgreich im Bereich von Projekten, Partnerschaften und Schüleraustausch.“ 25 Forschungsinstitute sind hier im Bezirk ansässig und bei der Frage der "Umwandlung" hatte man sich mit der Frage beschäftigt, ob der amerikanische oder der deutsche Weg der Richtige sei. „Wir sind reformfähig.“ Und viele Preise wurden gewonnen. Alles super, alles o.K., keine Probleme! Wahrscheinlich ist der Rest Russlands einfach mit anderen Dingen beschäftigt…

Von der Schule erfuhren wir nur, dass sie seit 1998 arbeitet, wahrscheilich Protektion genießt, und wir hörten Gesang von einer Aufnahme des Schulchores. Zwei vaterländische Lieder. Die Bilder gebe ich lieber nicht wieder. Der Geistliche kam hinzu, sprach aber erst am Ende des Runden Tisches: Man solle die Tradition bewahren. „Es war nicht alles schlecht, weder beim Zaren noch bei den Kommunisten. Stabilität ist schon was sehr Wichtiges. Sehr große Freiheit führt zu sehr großen Problemen.“ Nun wussten wir, es war der Ort für die politische Begegnung von Deutschen und Russen, mehr nicht. Eine CD mit Liedern des Chors nahm ich als Geschenk an, die Hefte enthielten nur kyrillische Buchstaben. Das unorthodoxe Essen ("orthodoxes Essen gibt es nicht") war sehr gut, der Geistliche sah sich näher beim Papst als bei Luther.

Die politische Runde wurde lebhaft, als Frau Dr. B. ihr lebendiges Plädoyer für bilinguale Bildung vortrug und wieder der Merkelsatz und Multi-Kulti aus Verwaltungsmund kam. War wohl Teil der Schulung. Mein Hinweis darauf, dass selbst Angela Merkel die freie Meinungsäußerung zustehe, erfreute die Runde, doch der Stadtrat erklärte seinem Kollegen die deutschen Versäumnisse: Man dachte, die gehen doch wieder, andere, alles wird gut. Die liebe Not mit der Muttersprache derer, die man lieber russisch haben will, blieb gewohnt engagiert, „mit allem drum und dran.“
Interessant waren jedoch die verschiedenen Versuche unterschiedlicher Gesprächsteilnehmer mit Sprachkenntnissen in Deutsch und Russisch, als es um die Übersetzungen ging und die eine und der andere dann doch eingreifen zu glauben musste, weil der Sinn verloren war, das Dolmetschen zur Veränderung des Gesagten genutzt wurde. Mir fiel es schwer, die Fassung zu bewahren und unterhielt meine Nachbarschaft mit Aufklebern „Wir sind so frei“

Die Schulen sind alle durchgezählt und tragen Nummern als Namen, bisweilen haben sie „ehrende“ Zusätze. Doch das erst 20 Jahre alte Gymnasium Nummer 6 möchte seine Nummer ablegen und hat sich den Hermelin als Paten gesucht. (Dabei hatten Ulla und ich erst neulich gelernt, dass man auch zu Zahlen Gefühle haben kann; Affe 63, z.B. bekommt trortdem eine Persönlichleit) Ein Plüschtier-Hermelin im Schrank des Konferenzzimmers erwies sich als Hand gefertigtes Einzelstück, verkäuflich ist er noch nicht. Wie alle Schulhäuser bröckelt auch hier alles vor sich hin. Der Bauzustand ist z.T. erbärmlich. Drinnen finden wir viele Smart Boards, die sich als Erlöse aus gewonnenen Wettbewerben herausstellen. Das macht man ja sehr gerne. Noch lieber hängt man alle verfügbaren Wände mit Urkunden und Diplomen und den Fotos der Übergaben voll. Nicht nur die Direktorenzimmer, ganze Flurwände. Diese noch sehr junge Schule mit einer sehr engagierten Schulleiterin, die auch Mitglied des Stadtparlamnets ist, hat es geschafft, volle staatliche Förderung zu erhalten und das Recht, Geld einzunehmen. So verkaufen sie Arbeitsgemeinschaften und Kurse und finanzieren damit die Zusatzarbeit (Zweitjob) der Lehrkräfte. Zu den Wettbewerben ohne Geldlohn gehört die Teilnahme an Känguruh! Deutsch und Mathe.
Gleichzeitig haben sie mit mehr als zehn Schulen Partnerschaften. Schüler reisen dorthin, Schüler reisen hierhin. China, Deutschland, Philipinen, USA, Spanien, Frankreich. Mittlerweile werden ihnen die Partnerschaften angetragen. Also kein Handlungsbedarf. Später lasse ich mir erklären, das jedem Schüleraustausch ein gegenseitige Lehrerinnenreise vorausgeht, meist zehn Leute, nicht nur die unmittelbar betroffenen Fachlehrerinnen, nicht immer in den Ferien. Eine gute Motivation, oder?!?!! Deutsch, Englisch, Spanisch, Latein, Französisch und Chinesisch sind die Fremdsprachen für 1.220 Schüler.
Die Rückreise verzögert sich durch Staus. Wir sind zu spät, werden aber doch während der Aufführung rein gelassen und finden ein Opernhaus, welches das Moskauer noch übertreffen soll, doch nur ein Viertel der Plätze ist belegt. Am Preis kann es nicht liegen: 130 Rubel sind 3 Euro 25 Cent. Ein tolles Haus, sehr gute Sänger, ein Klasse Chor. Nur kämpfe ich heftig mit der Müdigkeit und erlebe eine Premiere. Beim Verlassen der Oper scheint noch die Sonne. Ein Regenbogen überschirmt die Silhouette. Wir verabschieden uns von den drei Fahrerinnen, die ihren Sommerurlaub für uns für einen Tag unterbrochen haben.
Ganz langsam zu Fuß zum Hotel. Füße hochlegen. E-Mails bearbeiten. Notizen notieren. Ein Heineken trinken. Die Geschenke auspacken: Noch eine DVD von den Orthodoxen, Pralinen, einen Schulpin, einen Deutschland-Russland-Pin, einen russischen Schulkalender, eine Papier-Merch-Tasche der Schule für Andrea, ein Stift.
Mal sehen, was uns morgen erwartet in der Arbeitssiedlung Kolywan und wann wir Zeit für Konsum kriegen. Zeit zum Versenden, Zeit zum Schlafen, einmal nicht vorwiegend schlaflos in Sibirien. Fahren die Japaner eigentlich rchts oder links?????


                                                                                                                                       






3 Kommentare:

  1. Großes Kino, Paps! Ganz großes Kino. Deine Berichte werden täglich besser. Liegt das am Schlafentzug oder an den schrägen Eindrücken, die auf Dich einprasseln? Egal, weiter so!

    P.S.: Japaner fahren links :-)

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  2. Absolut! Wie geht das mit dem kleinen Computer???

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  3. Eine Tüte! Eine Tüte.... yeah..... *jubel* ;-)))

    Ganz großer Schreibsport.

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