Ein ganz gewöhnlicher Montag in Rio, nur gut bewölkt, noch feucht vom langen heftigen Regen am gestrigen Abend, der die Temperaturen um 23 Uhr auf angenehme 24 Grad gedrückt hatte, so dass die Schlaflosigkeitsquote sicher gesenkt werden konnte. Alle unsere ortskundigen Begleiter hatten die ungewöhnliche Hitze beklagt, die seit Mitte Dezember vielen Leuten ungewöhnlich zusetzt. Nun scheint die Phase der Entspannung gekommen zu sein. Gut, besonders für ältere Menschen...
Kurzfristige offizielle Termine mit hiesiger Verwaltung und Politik war unseren Mittelsleuten noch nicht möglich gemacht worden, so dass wir uns auf den Weg zum ¨Zuckerhut¨ machten. Es ist wie immer, wenn man an neuen Orten unterwegs ist, sich die Stadtpläne anschaut und glaubt, ein Gefühl für Himmelsrichtungen und Entfernungen zu haben. Dass die Preise hier nicht gerade günstig sind, aber Taxifahren schon - zudem meist zügig - wenn nicht gerade der Verkehr zum Erliegen gekommen ist - doch wir hatten ja die U-Bahn entdeckt und die eine der beiden Linien bereits mehrfach erfolgreich erprobt und als gut empfunden, sauber, schnell, gut gekühlt, zielgenau.
So nahmen wir kurzentschlossen auch heute die funkelnagelneue U-Bahn, eine Karte kostet einen Euro, also auch machbar, und dann - so unser morgendlicher Stadtplanbeauftragter und Asienspezialist - ist es nur noch einen Kilometer bis zur Seilbahnstation. Und als wir so die Endstation der U-Bahn verließen - beim Auswählen der Gleise hatte es wie in den Tagen zuvor angeregte Diskussionen über die richtige Linie und das richtige Gleis gegeben, obgleich es ja nur zwei U-Bahn-Linien gibt, so dass Unbeteiligte zu der Auffassung kommen könnten, es sei schon richtig, dass Rio nicht mehr U-Bahn-Linien hat und - was würden diese Menschen in einer Stadt wie Berlin mit so viel mehr Verbindungen machen??? - schlugen wir den uns angemessenen Weg ein und befragten auch noch orts(un)kundige Passanten, bis endlich unser seefahrterprobte Navigator seine sachlichen Zweifel bis zu einem Richtungswechsel durchsetzte und wir am Ende dem gesundheitlich empfohlenen Bewegungsanspruch gerecht werden konnten und nach 4,2 km nebst Überquerung einer Schnellstrassenbrücke unser Ziel erreichten. (Für den Rückweg benutzten wir zwei Taxen für jeweils 10 Minuten und 6 Euro - im Gegensatz zu den 2 Stunden Hinweg eine echte Verbesserung.)
Doch das soll ja allen möglichen Menschen in allen möglichen Orten dieser Welt schon passiert sein, ohne dass sie die Laune verloren, der Mut sie verlassen hätte. Die lauten und dreckigen Straßen auf wachsend sicheren Fußwegen zu begehen war schon eine authentische Erfahrung, die uns sonst entgangen wäre: Viele verschiedene Graffitis, die an die hohe Kunstfertigkeit brasilianischer Graffitikünstler erinnert, die in der ganzen Welt Furore gemacht hat und es noch tut - gern begleitet von undefinierbarer Wandsprühung nicht nachvollziehbaren Inhalts, Kleingeschäfte, Tankstellen mit unverändert hohen Preisen (?!?nicht, wie bei uns) und kurzfristig wechselnde Düfte und Gestänke authentisch hautnah zu erleben, dabei die motorisierten Fahrzeuge neben den wenigen doch überall sichtbaren Menschenhand betriebenen Transportwagen auf Gummirädern mit Kleinspeisen oder Getränken auf dem Wege zur Kundensuche und die Unzahl von Bussen, die die Alleinverantwortung öffentlichen Transportwesens übernommen haben, das war es schon wert. All dies, wäre uns in deiner Tiefe heute verborgen geblieben.
Brasilien, Rio, der Sehnsuchtsort, das klingt so sehr nach Sonne, Strand, Ipanema, braungebrannten, Samba tanzenden Körpern junger, fröhlicher Menschen aller Farbschattierung, frischem Kaffee, weißem Rum, Fußball zum Abwinken, Pele, bunt kostümiert tanzende Menschen auf Freiluft-Karnevalsveranstaltungen in sommerlicher nächtlicher Wärme, der Christus auf dem Berge mit den ausgebreiteten Armen - ach, und ja der Zuckerhut, dieses Gegenstück zu dem tischförmig flachen Tafelberg in Kapstadt. Neben anderen Brüdern ist er ein steiler Felsenberg, nein, es sind mehrere, wie hin gekleckert von Gott am Ende der Schöpfung, als der Felsenrohstoff schon dickflüssig wurde und nicht mehr zu wohlgeformten Hügeln verlief, sondern fast spitz, steil die Form einer Eiswaffel, nein, besser eines Zuckerhutes einnahm.
Und, so erkläre ich mir quellenfrei die Namensgebung, da Zucker neben Kaffee, Soja, Fleisch, Eisenerz, Tropenhölzern und Gold zu den Ausfuhrrennern gehört - und ohne die ungeheuren Monokulturen und Nachfragedrücke wäre es ja auch nicht zu dem Sklavenhandel gekommen, welcher, später als in vielen anderen Ländern, erst 1899, weit nach Russland, abgeschafft wurde - und Zucker findet sich ja nicht nur in der Feuerzangenbowle und im Kaffee, sondern auch im Caipi...klingt also viel besser, wenngleich, ich muss zugeben, weiß ist er nicht der Zuckerhut, eher schwarz...
(und wenn ich bedenke, dass der Zucker in den letzten Jahren nicht nur durch Coca Cola unter Druck geraten ist und politisch überhaupt nicht mehr pc ist, ob es da nicht an der Zeit ist, auch diesem Berg einen zeitgemäßen Namen zu ermöglichen. Doch das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt wird.
Dieses Symbol dieser großen Stadt zu begehen, war uns heute gegeben.
Wir waren nicht vollständig, denn unser Musikbeauftragter hatte noch wichtige Gespräche in Sachen musikalischer Kooperation zu führen. Insbesondere im Samba-Bereich kann das noch besser werden. Zufällig war uns am Sonntag eine Gruppe schwarz gekleideter junger Männer aufgefallen, die sich als die Heavy Metal Band Confronto herausstellte: in absehbarer Zeit werden sie wieder in Berlin sein. Warum ist das nicht auch im Samba möglich. Was hier so möglich ist, erschütterte uns heute Abend bei einer Exkursion durch Lapa, wo an vielen Orten Life-Musik ertönte, auch oft Samba. Über eineinhalb Stunden lang spielte eine Band aus fünf Leuten sitzend um einen Tisch gruppiert ohne Unterlass Samba auf eine Art und Weise, dass die Menschen mitmachten und es immer mehr wurden. Keine Alten, wie wir, viele ganz junge Leute. Ein Erlebnis, dass selbst unser Musikbeauftragter noch nicht auf einer Bühne miterleben durfte, wobei: Eine Bühne gibt es nicht. Die kleine Kneipe war ebenerdig: Aug in Aug mit dem Publikum.
Zum Erreichen des Zuckerhutes nun bedarf es der Benutzung von zwei Gondeln. Mit einem Kostenbeitrag von 20 Euro, Kinder und ältere Mitbürger ab 60 (!!!) zahlen die Hälfte, um das 395 m hohe Ziel zu erreichen. Zu Fuß kann man schon deshalb nicht dorthin, weil ein Militärgelände an den Zuckerhut angrenzt. Die dort übenden Menschen konnten wir auf der Talfahrt beobachten, wie gleichgekleidete Menschen in Gruppen versuchten gleichmäßig vorwärts zu gehen, ohne sich gegenseitig ins Gehege zu kommen. Ganz schön schwer, konnte man gut beobachten.
Es dauert nicht lange, vielleicht zehn Minuten - und schwupps, ist man auf dem Zuckerhut. Nun kam uns der Montag und das schlechte Wetter zugute, doch das hatten wir uns auch verdient.
Oben angekommen hat man eine gigantische Aussicht in alle Himmelsrichtungen, soweit das Auge reicht. Doch heute schien keine Sonne. Der Himmel war bedeckt, Wolken hingen in den umliegenden Bergen, so dass selbst der Christus mit den ausgebreiteten Armen kaum auszumachen war. Da verdunkelte sich der Himmel zusehends, es begann zu regnen und alle Selfie-Aktiven Besucherinnen und Besucher brachen ihr Tun ab, um Regen und Sturm zu entgehen. Völlig neue Wolkenformationen entstanden nun und der Sturm vertrieb sehr viele dieser Wolkenfelder in die Pampa und gab den Blick in einer Klarheit frei, die es glauben machte, man könne nun ganz Brasilien sehen. Selbst Christus war nun gut zu erkennen. Wir bekamen ein Licht zu sehen, wie es auf keiner Postkarte zu sehen ist, denn da scheint ja immer die pralle Sonne.
Die Kühle verbat uns einen allzu langen Aufenthalt beim Nachdenken über die Welt aus dieser Perspektive, so dass wir den Abstieg per Gondel nach Postkartenerwerb vollzogen, um nun zu lernen, dass Rio auch einen erkläglichen Anteil an Taxifahrerinnen hat, aber ob männlich oder weiblich, die meisten der 3500 Taxen zum Karneval abwesend sein werden, denn dann sei es ohnehin kaum möglich, sich zu bewegen.
Doch heute ist nicht Karneval.
Das war er, der vierte Tag.
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