Freitag, 6. Februar 2015

São Paulo, Donnerstag, 5. Februar 2015 - Waldorf in einer Fawela oder interkulturelle Kompetenz bei Englisch ist Muss, Deutsch ein Plus



In 12 Stunden waren dies die Anlaufstellen des Tages:
1. Eine brasilianische, private ¨Mall-Schule¨mit deutsch-internationalem und Fawela-Zug
2. ein gemeinwesenorientiertes Waldorf-Projekt in einer Fawela
3. ein Goethe-Institut vor dem Betriebsausflug
4. eine Karneval-Probe in VAIVAI mit geschätzten 8000 Beteiligten

Es blieb bei kühlen 22 - 25 Grad regnerisch, mal heftig, mal redlich nachhaltig, doch mit Pausen und abends trocken. Die Kinder und die Dürrebefürchter freuten sich.

Dies bleibt eine rein subjektive Beschreibung einer Studienreise einer Gruppe von sieben Bildungsbeflissenen aus der Sicht eines einzelnen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit
in einer wirtschaftlich starken Region, die mehr deutsche Unternehmen beherbergt als irgendeine andere Region auf der Erde, wohl einschließlich Deutschland, einer Stadt mit 20 Mio Einwohnern, von denen 3 Mio in Fawelas leben sollen, ohne das eine behördliche Meldepflicht dies prüfen könnte, doch beim Flug über die Stadt konnte man die Flächen deutlich ausmachen, mit einer mehr als 3 km langen Straße, die ein Luxusgeschäft neben dem nächsten sah, einer Militärpolizei neben der regulären, die 30 Jahre nach Ende der Militärdiktatur recht unbehelligt vorzugehen scheint, angeblich weniger Morden als Berlin gerechnet auf 100.000 Einwohner, wo es nicht teuer sein soll, gedungene Mörder zu kaufen, um die Ordnung selbst wieder herzustellen, die meisten Wohnhäuser eingezäunt und bewacht sind, mit Kameras und Personal somit die Sicherheitsindustrie zu boomen scheint,
einem Land, das in der Weltliga mitspielt, Platz 8 in der Weltliga der Wirtschaftskräftigen belegt, es geschafft hat, von der UNO-Liste der Länder mit Hunger zu kommen, politischen Parteien, die respekatble Skandale an den Hacken haben, Ausrichter weltweiter Großveranstaltungen wie FiFa WM und Olympia, Lehrern mit einem Mindestlohn von ca. 700 Euro, den aber auch nicht alle Bundesländer aufbringen können, einem reichen Süden,
der sich am liebsten vom armen Norden trennen würde, ... irgendwie bekannt....

Es ist schon erstaunlich, dass die im 16. Jahrhundert zwischen den iberischen Monarchien ausgehandelte Sprachgrenze weitgehend beibehalten geblieben ist, so dass die verbindende portugiesische Sprache zum Teil der nationalen Identität Brasiliens geworden ist, aber Spanisch, in Mittel- und Südamerika die vorherrschende Sprache, nur zwei Jahre in der staatlichen Schule verlangt wird - oder eben Englisch - immer noch Erstsprache im doch so ähnlichen, doch öffentlich abgelehnten US-Amerika (Zweitsprache Spanisch), so dass viele Brasilianer nur Portugiesisch sprechen, aber Spanisch ist ja so schwer auch nicht, wenn man Brasilianer ist.

Die Eliten gehen andere, eigene Wege. Die Spannweite ist enorm.

Mehr als 500 Parkplätze stehen Lehrern und Eltern in einer ebenerdigen Tiefgarage zur Verfügung, wenn sie die Sicherheitskontrolle passiert haben, die nächste Fawela ist keine 500m entfernt, und Platz ist hier für 5000 Schülerinnen und Schüler.
Ein deutscher Zug vermittelt Deutsch als Fremdsprache und bietet das Deutsche Abitur brasilianischen Familien, deren Kinder so Deutsche Universitäten besuchen können.
Daneben gibt es noch einen jungen Zug für Bildungswillige aus den Fawelas allen Alters na,
so dass in volkshochschulähnlichen Kurse erstaunliche Abschlüsse ermöglicht werden sollen.

Die ungeförderten, den wohlhabenden Brasilianern dienenden Privatschulen werden gebeten, sich auch um die Mittellosen zu kümmern und erhalten Steuerprivilegien im Gegenzug. Eine interessante Begegnung. Wo 80 Mio Euro von einer gemeinnützigen Stiftung umgesetzt werden, um 10.000 Schülerinnen und Schülern gute Bildung zu bieten,
muss nicht nur der Zugang gesichert sein, sondern alle möglichen Dienste in einem Mall-ähnlichen Schul-Campus angesiedelt sein.

Den deutschen Lehr- und Leistungskräften wird eine angemessene Portion interkultureller Kompetenz abverlangt und wenn die Schulsekretärin nicht geknuddelt wird, könnte sie sich herablassend behandelt fühlen, man nennt es Begrüßungs- und Körperkontakt-Kultur.

Nahezu unkündbare Deutsche Lehrkräfte treffen mit brasilianischen zusammen, die leicht über Nacht ihre Arbeit verlieren und so nicht gerade gefördert werden, kritische Beiträge zur Verbesserung der Arbeit vorzutragen. Da der Deutsche Zug sich als international versteht, denn Englisch ist sowieso Pflicht, werden Austauschprogramme mit Deutschland forciert.
Es ist ein anregender, professioneller Austausch über Organisationsentwicklung und Partizipationsmodelle in einer dynamischen Bildungswelt.

Auch hier finden sich zahlreiche Beispiele von Skulpturen, manchmal nur Köpfe, manchmal Tiere, manchmal ganze Menschen: Skulpturen sind sehr beliebt in Brasilien.

Nicht so beliebt sind Fawelas, jene schwer zu definierenden Gegenden, die von Menschen bewohnt werden, die dem staatlichen Zugriff, der staatlichen Fürsorge, jedenfalls der behördlichen Stadtentwicklung entzogen zu sein scheinen. Was wir kennenlernen dürfen, ist ein Sozialprojekt, welches ein deutsche Waldorf-Lehrerin 1979 aufzubauen begann und heute, neben musikalischen, athroposophischen und künstlerischen Waldorfangeboten
u.a. eine Geburtsstation, eine Krippe, einen Bäckerei, eine Tischlerei, Tanz, Theater und Angebote für Behinderte umfasst.

Mit dem Einbau von Abwasserleitungen begann seinerzeit die Verbesserung der Lebensverhältnisse einer offensichtlich nachhaltig arbeitenden Lehrerin, die die Geschäfte des Projekts heute noch unkorrumpiert weiterführt. Wir werden angehalten, uns zurückzuhalten, was wir tun. Ein Gang durch die Straßen offenbart auch hier die Widersprüchlichkeit sozialer Angebote.

Zur Befriedigung grundlegender Bedürfnisse wie Wasser und Kanalisation gesellt sich der Wunsch auf sozialen Aufstieg. Die früheren Blechhütten sind hier weitgehend feste Steingebäude, schon stimmt das Klischee von der Fawela nicht mehr. Und wenn dann Autos vor der Tür stehen, ist der Mittelstand nicht fern, wenngleich das Nachbarhaus putzfrei herumsteht.
Es regnet durch. Die Behörden kümmern sich nicht, einige Menschen auch nicht, die Spendenbereitschaft der Deutschen geht im internationalen Spendenwettbewerb zurück,
die städtischen Mittel sind immer an Spenden gekoppelt, sollten aber mittlerweile aus den reichen Teilen Brasiliens kommen, doch die spenden nicht so gerne, heißt es....
Doch Heizungen braucht man hier eigentlich keine...
Und wenn Drogen ins Spiel kommen, dreht sich ohnehin alles, wenn soziale Arbeit nicht mit wirtschaftlicher Unabhänigkeitsbestrebungen einhergeht...

Der Kontrast jedenfalls war deutlich, der Regen heftig.

Der nächste blieb aus, da das Goetheinstitut statt uns morgen zu empfangen einen Betriebsausflug anberaumte, was zwei von uns zu einem spontanen Besuch des Instituts bewegte, was die Rezeptionistin dazu bewegte, eben jene zu Hause anzurufen, was wiederum zu einem samstäglichen Treffen führen wird, damit wenigstens ein Exemplar der BILDUNGSWEGE hier für die Bibliothek überreicht werden kann.

Die pure Lebens- und Feierfreude erlebten wir mit Tausenden nach einem kurzen 60-minuetigen Spaziergang nach VAIVAI.
Hier probten Hunderte Männer und Frauen in meist geschlechtsgetrennten Gruppierungen die Bewegungen für den Karnevalsumzug, entsprungen den Samba-Schulen, begleitet von ungezählten Mittanzenden, unterstützt von einer heftigen Bühnenmusik und 100  Trommelnden und Scheppernden.
Sie üben nur, legen aber eine tolle Kondition an den Tag, Köperkotaktkultur sowieso.
Nun haben wir ihn doch noch, den Karneval, sagte einer der Sieben und nahm ein Bad in der Feiermenge.

Der völlig ungehemmte Umgang mit filmenden Mobiltelefonen faszinierte mich schon in Rio,
die Einzel- und Gruppenselfies nahmen einfach kein Ende - werden die Bilder bleiben?
Doch auch hier bemerkten wir keinen Diebstahl, drehte die Feierfreude nirgendwo in Aggressivität. Man glaubt es gar nicht, die Stimmung ist wirklich so, wie es immer heißt, ausgelassen und offen, sagt einer der Sieben.

Derweil sitze ich am Tresen des Hotels IBIS, der Kellner hat abgerechnet, der Fernseher zeigt einen irischen Film auf Portugiesisch und mir fällt auf, dass unser heutiger Hinweg durch Europa führte, Amerika blieb im Rücken, aber auch eine große japanische Communitz lebt hier - nur Afrikaner kaum, außer all den Nachfahren der früheren Sklaven....

Die hiesigen Kontraste erinnern an Kapstadt...

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