Als die ich gestrigen Zeilen zum zweiten Mal beendet hatte, der erste Anlauf
war um 2 Uhr morgens in den unendlichen Weiten des Alls verloren gegangen, so
beschloss ich kurzentschlossen und entsetzt, umgehend wieder von vorne
anzufangen und eine Zweitversion zu verfassen, bevor die Erinnerung verblasst.
Also gegen 3.30 Uhr trat ich vor das Hotel, um eine Gute-Nacht-Zigarette zu rauchen. Der Nachtwächter nickte mir zu und nickte gleich wieder ein, die Straßen waren mittlerweile menschenleer, doch auf der anderen Straßenseite kicken fröhlich 20 junge Männer in sauberen Trikots anspruchsvoll mit dem Fußball und ich dachte: So also kann man Sportflächen angemessen nutzen.
Doch heute ernüchterte mich unsere ortskundige Begleiterin und sagte, dies seien öffentliche Plätze, es seien wohl die Kellner aus den umliegenden Lokalen, die noch Bewegung brauchten und sich in den Schlaf spielten. Ganz und gar nicht mein Eindruck: Sehr lebendiges Spiel. Doch zum Überqueren der Straße und Nachfragen war mir der Weg ins Bett dann doch lieber.
Nachtrag für alle Zeppelinfreunde:
Spätestens zu den olympischen Sommerspielen im kommenden Jahr will unser Sonntagsführer sein Buch über die Zeppelinstation Recive auf den Markt gebracht haben.
Morgen verlassen wir diese Stadt schon wieder und leider haben wir keine Stadtverantwortlichen zu Gesicht bekommen, die uns ihre Version von Stadtentwicklung darlegen konnten. So bleiben wir mit unseren eigenen Beobachtungen und den Zeitzeugeneinschätzungen unserer Wegbegleiter alleine.
Das Land ist einfach zu groß, um Fehlentwicklungen in der zentralen Steuerung regional angemessen korrigieren zu können. Bei allem Ärger mit dem Föderalismus im Bildungswesen in Deutschland, die Zentrale in einem zu großen Land lässt sich nicht gern korrigieren, Bildungsverwaltungen sowieso nicht - überall auf der Welt. Sie verstehen sich als die Wahrer der Werte, die für künftige Generationen von Bedeutung sind und gießen dies in staatliche Rechtsnormen. Habe ich Gesetz gesagt? Nein, jedes Land kann seine eigenen Steckernormen erfinden, auch wenn sonst niemand auf der Erde diese hat (so geschehen vor 5 Jahren).
Dass heute mehr als 30% der brasilianischen Kinder und Jugendliche Privatschulen besuchen, ohne dass der Staat sich an den Kosten beteiligt, führen einige darauf zurück, dass die weiterführenden Schulen keine Aufnahmeprüfungen mehr für die weiterführenden Schulen abnehmen durften, was erst den karrierebewussten Eltern ein Dorn im Auge war, so dass sie die Kosten der Bildung lieber selbst übernahmen und in eine Privatschule wechselten, dann auch den anderen, die registrierten, dass sich staatliche Schulen vergeblich gegen eine Schule für alle ohne angemessene Ausstattung vergeblich zur Weh setzten und so der Rutscheffekt Dimensionen erreichte.
Ein Zurück war kaum mehr möglich, auch wenn nun seit einigen Jahren Privatschulen ihre Plätze gesetzlich vorgeschrieben verlosen müssen. Wo nur ist all das ersparte Geld für Bildung geblieben???
Es ist wie in der Religion. Die meisten sind Katholiken, aber wenn man sie fragt, erfährt man, dass sie der Meinung sind, Makumba und Kirche, das gehe gut. Wenn der eine Gott nicht weiter weiß, nehmen wir den anderen.
Die heute aufgesuchte Einrichtung geht auf eine Initiative eines evangelischen Deutschen Hilfsverein zurück, das 1844 begann Mittellosen Landsleuten unter die Arme zu greifen und im Folgenden ein Altenheim, dann 1862 eine Schule gründete.
Was früher den deutschen Einwanderern ein Hilfsgebot sein sollte, wird heute von brasilianischen Familien genutzt. Der Anteil der Deutschen soll an allen drei existierenden Bildungseinrichtungen mit Deutsch als Unterrichtssprache eher marginal sein. Dass dies mit dem staatlichen Deutschverbot zu erklären wäre, lässt sich kaum nachweisen, begannen sie doch in den späten 60er Jahren das Sprachkonzept von vor 1942 wieder aufzunehmen.
Die Messung der deutschen Sprache geschieht mittlerweile über das deutsche Sprachdiplom und kann folglich als transparent angesehen werden, wenngleich bundesdeutsche Bildungsverwaltungen dies für eine ausschließlich deutschen Auslandsschulen vorbehaltene Variante halten!?!!! Aber brasilianische Schulen haben keinen Abschluss am Ende der 12. Klasse, müssen also universitäre Prüfungen bestehen und auf genau diese bereiten sehr gern Institute kostenpflichtig in 6-Monatskursen vor.
Die Ergebnisse lassen sich sehen, lokal wie national - geht kaum besser, doch nicht alle Brasilianer können studieren und Berufsausbildung ist in Brasilien eine unterentwickelte Branche.
Brasilien, Rio, das sind nicht nur die Sehnsuchtsorte, dass sind auch die Orte, die Angst und Schrecken verbreiten: Hohe Kriminalität, Abholzung der Tropenwälder,
Vertreibung der Indianer aus ihren angestammten Gebieten für Landwirtschaft und Rohstoffabbau, ständig wachsende Megastädte mit Favelas für die vielen Inlandsflüchtlinge, kaum entwickelte Infrastruktur in der Energieversorgung, Raub, Mord, Einbrüche, Straßengewalt. Wo in Deutschland fast 100% der bekannten Morde aufgeklärt werden, spricht man in Rio von einem Prozent. Die Reiseführer sind voll von Warnungen, beteuern aber, es sei besser geworden.
Uns sind keine Gewaltszenen passiert, wir registrierten zwar auffällig viel Polizei mit deutlicher Symbolkraft. Trug der eine seine große Kamera vor dem Bauch, so kamen Leute und empfahlen, dies nicht zu tun. Immer wieder fanden wir freundlichen Zuspruch von Einheimischen, wenn potentiell eine gefährliche Situation vorhergesehen wurde. Die Aufmerksamkeit ist enorm. Ein einziges Mal wurde ich um eine Bettelspende gebeten. Fast nie drängen sich Gewerbetreibende auf, um ihre Waren anzupreisen, denn sichtbar als Touristen waren wir ohne Zweifel. Die Entspanntheit auf den Straßen im Umgang miteinander ist auffällig und groß.
Und wer mit einem Taxifahrer ins Gespräch kommen wollte, obwohl er kein Portugiesisch spricht, zeigte nur mit den Fingern 7:1 und die meisten lachten laut,
gratulierten den Siegern und schauten entschuldigend und beschämt drein.
Nur einer wollte einem von uns die Tür weisen. Im Sambe-Club kam heute Abend als Antwort darauf, dass wir aus Deutschland sind, ganz von selbst: 7:1. Das Trauma wird offensiv angegangen, doch es bleibt ihnen allen ein Rätsel.
Derweil meint die Taxifahrerin, man finde in Rio immer eine Arbeit. Mit 300 Euro komme man zurecht. Nur Olympia mache alles teuer. Und Lehrer wie Ärzte arbeiten oft an zwei oder drei Einrichtungen, denn die Entlohnung ist niedrig. Und ein Teil der Unberechenbarkeit ließ sich i diesem Satz zusammenfassen: Man kann nicht planen, denn man weiß nie, wie lange es wirklich dauern wird, von A nach B zu kommen. Und viele Menschen haben weite Wege zurück zu legen.
Da wir sehr lange im Gespräch in der Schule waren, Marget von der Tropical violinists im Deutschen Club noch sprachen, blieb Christus auf der Strecke und versteckte sich ab 18 Uhr in den Wolken und kam auch nicht hervor, als ein toller Sonnenuntergang im Osten die rote Farbe verteilte.
Ein Kranker in unserer Gruppe, leider, aber hoffentlich bald wieder hustenarm,
wird nun gepackt. Die Samba-Clubs sind Museen. Nur gut irgendwie, dass bald Karneval ist. Die Stimmungslage befeuert die Konjunktur. Morgen mehr, aus Sao Paulo
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