Sonntag, 8. Februar 2015

São Paulo, 7. Februar 2015 - Zu Fuß unterwegs: Der Blick von oben und die Bewegung ohne Dach



Heute werde es nicht regnen, beteuerte unser Dienstleistungsbeauftragter, der alle Wetterberichte fortlaufend beobachtet. Meinen neuen Schirm gestern als Gastgeschenk nahm ich dann doch mit, dachte weder an Sonnenschutz noch an meinen schönen neuen weißen Hut.
Das sollte sich rächen. Gut verbrannt an Armen und Kopf suche ich der Haut Kühlung zukommen zu lassen. Doch die anfänglichen 22 Grad ließen nichts Schlimmes erwarten, es war angenehm, wolkenfrei. Der Regenschirm kann ja im Zweifelsfall auch als Sonnenschirm dienen. Das tat es auch, doch mehr noch als Spazierstock.

Die gut 13 km, die mindestens drei aus der sich auseinander und wieder zusammenfindenden Studiengruppe am kulturellen Sonnabend zurücklegten, waren nur durch eine U-Bahnfahrt und zwei Taxi-Tickets unterbrochen. Um 9.30 Uhr sollte es losgehen in Richtung U-Bahn, um zwei Stationen später an der Praca Republica vor dem Edificio Itália unseren pensionierten Ortskundigen in seinem Kerngeschäft zu erleben.

Vorher begrüßten wir zu einem Kaffee eine Brasilianerin namens Helga, deren Kontakt uns unser Spirits Rector ans Herz gelegt hatte. Gestern ging es ja nicht. Die 65 Goethe-Instituts-Beschäftigten waren unter dem Vorwand eines Betriebsausflugs zum TEAMBUILDING in die Natur gegangen, um daselbst physische Vertrauensspiele zu erproben. Wir grüßten herzlich von dem ehemaligen Kollegen und breiteten eine Palette von sehr freudig wohlwollend entgegengenommenen Papieren, Borschüren und Heften aus, welche sicher gute Verwertung im Deutschunterricht finden werden. Entscheidend jedoch war der Bilderbeauftragten und Grafikerin wie mir die Übergabe eines gebundenen Exemplars jenes Standartwerks namens BILDUNGSWEGE, welches 50 Jahre Berliner Bildungsstadtgeschichte am Beispiel Kant abwechslungsreich und exzellent gestaltet beschreibt. Dies Geschenk mit Widmung ist für die Bibliothek des Goethe-Instituts bestimmt, damit auch auf dieser Seite der Erde jene der deutschen Sprache fähigen in den Genuss dieses Werkes kommen können. (So entfaltet dieses im Verkauf wenig beachtete Werk ganz allmählich seine Wirkung....) Helga sagte, wir hätten Ende Februar kommen sollen, dann werde es die erste Zusammenkunft von Deutschlehrern geben, die aus regulären Schulen am Ausbau eines Deutschprogramms an ihren Schulen interessiert seien. Hier sprach sie in ihrer Funktion als Vize-Präsidentin des brasilianischen Deutschlehrer-Verbandes. Möglicherweise bieten sich ja hier. Anknüpfungspunkte, sollte es gelingen, einen geeigneten Vertreter zu benennen, um diese sich bildenden Fäden zu stärken und den Prozess zu verfolgen, technologisch durchaus ohne Reisekosten machbar....So erfahren wir, dass dies wohl größte Goethe-Institut weiterhin aktiv ist. Die diplomatische Mission war abgeschlossen.

Es reiche nicht aus, sinnierte Helga noch aus ihrer langen beruflichen Arbeit, wenn einzelne aktive Lehrkräfte etwas auf die Beine stellen, aber vergessen, dass sie selber es nicht unbegrenzt machen können, also zeitig nach einer geeigneten Staffelentgegennahmeperson Ausschau halten sollten...Wie wahr.. Sie selbst gehe bald dem Rentenzeitalter entgegen und hoffe ähnlich anregende Rätsel knacken zu können, wie derzeit ihr dynamischer, ehemaliger Kollege in Berlin.

Brasilianerinnen und Brasilianer sind alt, wenn sie 60 Jahre alt werden. Darauf muss ich mich nun eistellen. Mit 60 geht man in Rente, kann dies mit Abschlägen ab 50 tun (und dann heimlich weiterarbeiten?!?). Damit ergeben sich auch Privilegien wie freie Fahrt in öffentlichen Verkehrsmittels, halber Preis in Theater und bei Musikveranstaltungen. Da noch immer so viele Menschen jung sind, funktioniert das System noch, wird wohl gerade aber überdacht, denn angeblich hält die freiwillige Ein-Kind-Familie Einzug in die brasilianische Mittelschicht....Alte, um darauf zurückzukommen, sind im Straßenbild der Innenstadt so gut wie gar nicht auszumachen, in Rio wie hier. Sie halten sich in ihren Wohngebieten auf, sagt unser Ortskundiger, selbst ein älterer Mann, seines Zeichens Pensionär. Hinzu kommt natürlich, dass dieser Moloch teuer ist. Carla bezeichnete ihre Oma-Generation als Taxi-Service für die Enkelgeneration......

Das Italien-Hochhaus soll das zweithöchste der Stadt sein und der Brandenburger aus unserer Gruppe besuchte es am Nachmittag, als der Fahrstuhl offen war, um sich von oben einen Überblick zu verschaffen. Hier, im neuen Zentrum, ist der Ausgangspunkt all der Protestbewegungen, die sich Gehör verschaffen wollen, was in dieser sehr lauten Stadt mit sehr vielen sehr hohen Häusern und sehr viel Polizei und überall sehr vielen Menschen nicht einfach ist, weil viele Menschen einfach oft auf einem Haufen zusammen sind. Wir lernten, dass die ungeordnet erscheinende Stadtentwicklung auf Genehmigungspraktiken der Stadtverwaltung zurückzuführen sei, die anderswo Korruption genannt würde. Der Immobilienmarkt selbst erzeugt immer wieder Leerstand in angemessenem Umfang, so dass sich hier. Menschen zu Hausbesetzern weiterentwickelt haben, die unter dem Namen Bewegung ohne Dach leer stehende Hochhäuser zum eigenen Wohnen nutzen, was früher mit der Bezeichnung Hausbesetzer tituliert wurde.

Ich weiß nicht, wie viele hundert Hochhäuser São Paulo hat, ich lernte aber, dass der Stahlbetonbau 1926 das erste 30 stoeckige Gebäude ermöglichte, als ein Reicher Schiffseigner sich ein Denkmal setzen wollte, doch nur 26 Stockwerke genehmigt bekam - und nach einigem Zögern ein  vierstöckiges Haus obendrauf setzte: 30 Stockwerke. Damals das höchste, heute 3. Platz. Von dort oben hatten wir einen großartigen Blick in alle Himmelrichtungen  gleichsam im Vorgarten zum 4-stoeckigen Wohnhaus jenes Herrn, der der ängstlichen Bevölkerung auch beweisen wollte, dass man keine Angst haben müsse vor dieser Höhe

Die Brasilianer wollten einfach schon eine ganze Weile die Europäer zum Einwandern nach Brasilien bewegen und ließen sich viel einfallen, doch die Hochhauskünstler zogen weiter in den 20er / 30-Jahren in die USA und trieben es dort weiter. Heute ist São Paulo die Stadt mit den zweitmeisten Hubschraubern...

Wir sahen wie in Rio die verschwundenen Flüsse, durch Straßen ersetzt, kahlgeschlagene Schneisen im Stadtbild, große Standbilder und Köpfe von Jesuiten und Franziskanern, eine Kathedrale, die erst 1912 errichtet wurde, Benediktiner, Karmeliter und Franziskaner als das Heilige Dreieck, nachdem die Jesuiten als erste begonnen hatten, mit den einheimischen Indianerstämmen und -gruppen eine Verständigung hinzubekommen, was wiederum den nach billigen Arbeitskräften suchenden Großlandwirten gar noch gefiel, (Zur Zeit des Goldrausches 1700 - 1770 waren Arbeitskräfte kaum noch auf dem herkömmlichen Wege zu bekommen: Wer konnte, suchte Gold und Smaragden -
Zeit für die Sklaverei....)

So dass die Gründer der Stadt São Paulo im Jahre 1554 des Landes verwiesen wurden - und erst viel später zurückkehren durften. Dass der Gründer, Padre Anchinetta, Jesuit, vorher Jude, Portugiese heute verehrt wird, ist wohl Teil der Reintegrationsgeschichten, die überall auf der Welt immer wieder gern ausgespielt werden.

Was hilft es: Unser Ortskundiger konnte nur selten alle Sieben von seinem Wissen begeistern,
so dass desperate Bewegungen in der aufziehenden Mittagssonne Ermüdungserscheinungen sichtbar werden ließen. Egal. Es war ja freiwillig, außerdem ist Wochenende und wir sind in Brasilien....

Ramos de Azevedo und sein Buero steht fuer viele Gebäude, wie das Stadttheater mit drei Sparten.
sonst hält sich die Stadt aus der Kultur weitgehend heraus.

Oskar Niemeyer ist der andre Name, den jeder kennt und als wir auf der Suche nach solchen Orten in einen schönen Park fuhren, fanden wir in der Tat ein tolles Ausstellungshaus bauhausgeneigt, doch,
wie kann es anders sein, in restauro. Nebenan jedenfalls stolperten wir führerlos in ein Museum der afrikanisch-brasilianischen Kultur - und waren begeistert ob der vielfältigen gr0sszuegigen Gestaltung. Nein, freier Eintritt bedeutete nicht doof. Nur dass die Einwohner dieser Stadt Museen nicht so sehr mögen sollen, nur Schulklassen... Sehr beeindruckend eine Großbildserie von gegenwärtigen afrikanischen Monarchen... wenn wir nicht schon so viele Kilometer hinter uns gehabt hätten, wir waren länger geblieben: KULTURTIPP!!!

Dann verdunkelte sich der Himmel und es kam ein Unwetter hernieder, das sich gewaschen hatte, und als sich der Deckel des Abflusses anhob und Wasser nach oben beförderte, konnte ich mich gerade noch retten....aber der flache Regenbogen folgte der Sonne, die auf die reißenden Bäche in den Straßen herabschaute...Typisch dramatisch. Wasser braucht die Stadt ja.....

All die ohne Dach liegen weiter in den Straßen herum und können nicht anders und in der Mitte der Stadt ist es wohl am sichersten... Polizei überall. Doch halt, was machen denn die Smartphones mit den Sicherheitskräften?
Taxisfahrer haben gerne kleine Fernseher von einer Größe von ca. 6 x 9 cm, Obstverkäufer auch und der Bankbewacher nimmt eine Köperhaltung ein, die es ihm erlaubt, smartphonekontaktet zu bleiben bei der langweilgen Bewacherarbeit....

Bald sehen wir es wieder von oben, dann aber wird es dunkel sein, wenn wir am Montagabend nach 21 Uhr abfliegen....

Ich danke für die Begleitung

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