Montag, 9. Februar 2015

São Paulo, 8. Februar 2015 - Vertikale Favelas, Unique Hotel und Proben für Karneval



Die brasilianischen Tage haben schon ihren Tribut gefordert. Ein Sonntag kurz vor der Abreise liegt da schon ganz gut. Keine offiziellen Termine, keine organisierten Gänge. Nein, die Rache Monezumas hat auch niemanden ereilt, auch Magen-Darm blieb ob der Einhaltung der Lebensmittelordnung aus,
nur einen festen Husten in der Musikabteilung, Wasser nur aus verschlossenen Flaschen, aber keine Überfalle, Diebstähle, Bedrohungen, nur ein wenig Sonnenbrand auf den ohnehin überempfindlichen Oberflächen des Schreibenden.

Der freundliche Sonnenschein brachte gute 24 Grad um 9 Uhr auf der Messtabelle, knappe 32 wurden erreicht, doch das fast schon obligatorische Nachmittagsunwetter blieb aus. Gut für die Radfahrer. Ja, es gibt sie hier. Die Hauptmagistrale Paulista, die früher sehr prächtige Paläste der Geldkönige beherbergte  (eine Rettung durch den Denkmalschutz funktionierte nicht, sagt man:
als die Zeit der Hochhäuser gekommen war und nicht mehr Gummi und Kaffee einzelne ungeheuer reich machte, kamen die Bagger und machten alles platt für Hochhäuser, das neue Symbol einer neuen Zeit und das entsprechende Gesetz im Parlament kam vier Monate zu spät) und heute die Wirtschafts- und Finanzstraße ist.

Also hier wurde die linke Spur für Fahrräder gesperrt, so dass jeder gemütlich seine Kreise durch das Zentrum ziehen konnte -  und weil offensichtlich noch wenige eigene Räder haben, gab es große Ausleihstellen: einige nutzten es auch zum Üben.
So jedenfalls machte das Straßenleben am Morgen auch einen beschaulichen Eindruck und als alle sieben gefrühstückt hatten, traf die gesamte Gruppe zu einer Vollversammlung zusammen, um gemeinsame und getrennte Aktivitäten heute und morgen zu erörtern, die Fahrwege abzuschätzen, die am Montag zu den beiden letzten Terminen bei Humboldt und einem Privatschulverband führen
und ins Verhältnis gesetzt gehörten zun Hotelstandort und dem Flughafen.
Da wir erst um 13 Uhr die Zimmer räumen müssen, werden wir dann alle gemeinsam mit Gepäck den 14.30 Uhr Termin wahrnehmen.  Beide Termine sind 90 bzw 60 Minuten entfernt, jeweils südlich, während der Flughafen im Nordosten liegt und eine Fahrt durch die Stadt, zu welcher Zeit auch immer stautechnisch kaum kalkulierbar ist und wenn man eine so weite Reise vor sich hat,
will man nicht ins Schwitzen geraten, zumal die Abwicklungen am Flughafen selbst bei einer Ausreise keinem der Beteiligten aus eigener Erfahrung erinnerlich sein können.
Niemand war hier bisher. Den Morgentermin werden dann nur drei wahrnehmen nebst ortskundiger Begleitung.
Der Austausch über lohnende Ziele am Sonntag verlief konstruktiv und differenziert, individualisiert mit inklusiven Tendenzen.

Zwei Märkte sollen empfehlenswert sein, der eine am MASP (WORK IN PROGRESS), das andere am Platz der Republik, wohin sich ganze Teile der Sieben gemeinsam und getrennt hinbewegten, während andere ihre E-Mail- und Postkartenschulden beglichen.
Die Auswahl an selbstgestricktem Schmuck, selbstgeschneiderten Kleidungsstücken, Steinen und Steinchen, mit und ohne Fassung, Bildern und Gemälden jeglicher Größe - alles in allem verteilt auf etwa 200 Ständen nebst einer Abteilung für Essen und Trinken, gern auch süße Sachen. Wie hält man die bloß ansehnlich, wenn es warm ist. Das eine oder andere Teil erregte auch mein Interesse und nachdem der Preisvorschlag mit Handzeichen oder Kugelschreiber kommuniziert war,
erntete ich mehrfach spontanes, lautes und zustimmendes Lachen ob meines reduzierten Gegenangebots. Meine Portugiesischkenntnisse haben sich nicht wirklich weiterentwickelt,
das eine oder andere verstehe ich, immerhin gibt es Schnittmengen mit dem Spanischen So blieb die international verständliche Zeichensprache ohne eventuell beleidigende Zeichen.

Für 15 Uhr war ein Freiwilligentreffpunkt an der U-Bahn Luz vorgesehen. Ein riesiger Bahnhof in einer Umgebung, die als ärmlich bis arm bezeichnet werden muss. Da die Gegend keine öffentlichen Sitzplätze kennt, fanden wir eine kleine Imbiss-Bar, erfrischten uns bei Kaltgetränken und durften dem brasilianischen Schlager in ausgeprägter Form verfolgen, was uns daran erinnerte,
dass die Welt grösser ist als Bossa Nova, Swing und Samba - weltweit erkennbarer Schlager. Doch eine Pause musste sein.

Die Suche nach den Älteren hatte sich heute beim Beobachten der Fahrradfahrenden relativiert,
auch auf dem Markt war die überwiegende Mehrheit der Waren feilbietenden Paulistianer jenseits der gestern gezogenen Altersgrenze. Hier, auf der breiten Straße hinter dem Bahnhof abgesperrt und von Polizei gesichert tanzte jede halbe Stunde eine größere oder kleinere, geübtere oder weniger geübte, einheitlich oder weniger einheitlich gekleidete Samba-Gruppe, Männer und Frauen getrennt hintereinander, manchmal auch mehrere, immer begleitet, manchmal angeführt von Musikanten mit Instrumenten, umgeben von korrigierenden, dirigierenden oder rotierenden Begleitpersonen,
offensichtlich die Coaches, Sponsoren oder Trainer in unglaublich langsamen Tempo die 500 m lange Straße entlang, begleitet von der entsprechenden eigenen Musik, die in ohrenbetäubender Lautstärke über ungezählte Boxen verbreitet wurde.
Doch die notwendige Bewegungsförderung wird wohl dadurch verbessert. Dies war ja der Übungsnachmittag für den Karnevals-Wettbewerb im Stadtteil, offen für jede Gruppe, die sich das zutraut, alles Amateure - vielleicht war ja die eine oder andere Anminationsperson dazugekauft, wer weiß das schon.
Mutig, rührend bisweilen, immer um Fassung bemüht, in engem Kontakt mit den befreundeten oder verwandten Publikum, das sich mitbewegte, aber ob der Lautstärke zum Applaus keine Chance hatte.
Und in den Gruppen, die wir sehen durften, waren viele von denen, die wir nicht gesehen hatten,
ältere Menschen. Sie sind noch da, sie sind noch aktiv - und beweisen Kondition, Timing und Kostümschneiderkunst.

Man bekommt einen Eindruck davon, dass der Karneval mehr im Lande ist, als die offizielle Parade in Rio. Viel mehr.

Die gerade begonnene Schule wird folgerichtig von Montag bis Mittwoch nächster Woche gleich wieder geschlossen.

Die Nachmittagshitze und ein Museum in der Nähe veranlassten uns weiterzugehen und dabei wanderten wir mit elektronischer Navigationshilfe durch Straßen, die von der Armut der Bewohner künden und dem Verfall Tür und Tor geöffnet haben.  In einer Straße fühlten wir uns in eine Prachtstraße der 20er Jahre zurückversetzt, tolle Fassaden, nicht mehr taufrisch, einige wenige farblich erkennbar, mit Hochwasserabwehrbrettern vor den Türen, mal funktionsfähig, mal ehemals funktionsfähig.
Die fehlenden Gullis und die abschüssige Straße erklärten uns die Macht des Wassers, das hier herabstürzt, wenn es aus Eimern schüttet.
Hier lebten früher vorwiegend japanische Einwanderer -  und die Japaner, die es nicht ¨geschafft¨ haben wohnen hier immer noch. EIn Hochhaus in der Ferne sah leer aus, war wohl bewohnt von Menschen, die sich die verfallenden Räume nahmen, bevor der Abriss droht: VERTIKALE FAVELA nennt man diese Gebäude.
Im Dunkeln wäre es uns wohl unheimlich, doch heute scheint die Sonne und keine Menschenseele ist sichtbar, nur eine hörbar.

Eine katholische Kirche am Ende der Straße hatte ihre Türen geöffnet und eine Bettlerin schüttelte heftig eine kleine Plastikschüssel mit Kleingeld, um die Kirchgänger zum Spenden zu bewegen. São Bento betraten wir und genossen die Kühle, sahen bald die Kerzen entzündet, bis endlich die Glocken zur Messe riefen. In Rio hatten wir noch erfahren, dass die evangelische Kirchengemeinde nach der Abschaffung abendlicher Messen aus Angst vor Überfällen, es noch nicht geschafft hatte, sich zu überwinden, es wieder zu tun. Hier schon.
Die mager besuchte Messe hätte im Theater abgesagt gehört, denn auf der Bühne waren mehr Menschen als im Publikum, doch die sehr bald singenden Franziskaner ließen es sich nicht nehmen,
wunderbaren Chorgesang vorzutragen....

Schnell gepackt, morgen nicht viel Zeit, früh raus, dann weg und einer aus unseren Kreise hatte ein Hotel ausgemacht, auf dessen Dach man sich frei bewegen konnte und einen guten Blick auf viele sehr hohe Häuser dieser Stadt habe. Erbaut von einem japanischen Architekten beeindruckte die weitläufige Lobby und ein Fahrstuhl führte in die 7. Etage. Nur?
Doch der Blick auf die nächtlich erleuchteten Hochhäuser in fast allen Himmelrichtungen war schon sehr beeindruckend und ließ uns eine ganze Zeit verweilen, obgleich Musik und Publikum zwei Generationen jünger erschienen. Der Abschiedsabend mit Weitsicht, glasverkleidet.

Diese unglaublichen Unterschiede!!!

Wenn einer eine Reise tut, dann hat er was zu erzählen.
Reisen bildet.

Sicher, unterwegs in nicht bekannter Umgebung, ist die Aufmerksamkeit in der Regel grösser als in der gewohnten Umgebung: vieles ist neu oder könnte es sein, nicht alle Wege und Bewegungen, Gesten sind sofort verständlich, manchmal gar nicht. Es hatte sich herausgestellt, dass es zwar aktuelle Reiseführer für Rio, NICHT aber für São Paulo gibt.

Mit den beiden Terminen am Montag endet die Studienreise mit dem Rückflug. Insofern ist dies mein letzter Beitrag aus Brasilien. Back home werde ich einen Abschluss versuchen. Doch wenn man das nicht gleich tut, wie diese Zeilen hier jeweils am Ende eines Tages zusammengetragen wurden,
dann unterbleibt es oft.

Ich danke allen mich Begleitenden bis zu diesem Punkt und wünsche
Gute Reise auf allen Wegen!!!!

Mal sehen wie das geht: Zurück vom Sommer in den Winter!?!!.......................................

1 Kommentar:

  1. Wie- Du schreibst nicht weiter... diesen täglichen literarischen Genuss willst Du uns vorenthalten? Es gibt doch auch in Berlin berichtenswertes- oder gar andernorts! Please go on!!

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