Sonnabend, 25. September 2010, nach 22 Uhr
Wir haben einen Eindruck: Nach dem gestrigen Regen waren heute wieder 34 Grad Normaltemperatur, nur zwischendurch ein kleiner "üblicher" Starkregen, der ein wenig Erleichterung brachte. Alle Inder und Europäer sprechen von angenehmem Wetter. Eine Woche durchgehender Regen, wie im Monsun, sei schwerer erträglich. Es meckert ja auch keiner. Niemand versprach herbstliches Wetter.
Die Hotelrechnung ist bezahlt, die Fahrerbestellung für morgen früh um 8 Uhr bestätigt, um in Pune den Flug nach Delhi zu bekommen. Dort soll ich um 13 Uhr ankommen und abgolt werden. Dann direkt nach Agra, einen Tag später nach Jaipur, dann Delhi. Gepackt ist auch fast. Also kann es weiter gehen.
Die LAVASA-Leute verabschiedeten sich heute mit "Cheese and Wine" im ICC und fuhren ihre Prominenz auf. Der Käse war aus der Schweiz, die Zertifizierung der Essen- und Trinken-Arbeiter aus Lausanne, der Wein indisch; man habe in Frankreich gelernt. Viele der leitenden Mitarbeiter haben 5 oder 10 oder mehr Jahre im Ausland gearbeitet, gerne in Fünfjahresschritten, mal Schottland, mal England, mal USA, auch Spanien. Deutschland kennen wenige, Verwandte haben viele in den USA, in GB, in Australien. Selbst Frankreich bemühe sich mehr um Indien als Deutschland. Insofern scheinen meine Pläne der Ansiedlung von indischen Kolonien in vergreisenden Städten wenig Aussicht auf Erfolg; erfolgversprechender, so mein Gewährsmann sei die Gründung von japanischen und deutschen Kolonien für greise Deutsche in Indien. Wirtschaftlich scheint das schlüssig. Am wichtigsten sei jetzt die Ansiedlung von Universitäten, da die Regierung dies für ausländische Universtäten freigegeben habe. Und bei derzeit etwa 300 Mio Schülerinnen und Schülern, die zum großen Teil - wenn sie denn zur Schule gehen, man schätzt das es 75% sind - eine Hochschulzugangsberechtigung erlangen können, sind die landeseigenen Hochschulen leicht nachrechenbar, überfordert. Bei 80 internationalen Schulen geht man heute von insgesamt einem Anteil von 50% Privatschülern in Indien aus. BILDUNG ist offensichtlich ein Thema, nicht wie bei uns, eine Überschrift.
(Dabei kosten indische Lehrer, wenn sie gut ebzahlt werden, $ 12.000; also zwei Schüler bezahlen einen Lehrer. Vielleicht lässt sich ja mal ein Austausch organisieren, eine Schule in Mumbai, deren Leiter ein Berliner ist, signalisierte jedenfalls großes Interesse.)
Die Dimension dieser Zahlen habe ich noch nicht begriffen, übersteigt im Moment mein Vorstellungsvermögen. Jedenfalls verstehe ich viel besser, das die indische Dynamik bei uns definitiv unterschätzt wird. Die Inder wissen auch, dass EUropa seine Krankenkosten nicht in den Griff bekommt und exzellente Mediziner ausbildet. Doch die Versorgung im eigenen Land hängt oft am Geld.
Die Konferenzbeiträge bewegten sich in dem Bereich, den man ertäglich nennt. Doch die Gespräche am Rande sind lohnend. Wenn einer der "Kex Note Speaker" von der nötigen Transformation in den Schulen spricht, die Hälfte der wohlwollenden Zuhörerschaft fast zum Einschlafen führt, so zeigt sich, wie gerne die Theorie von der Praxis des Vortagens entfernt ist und somit die sinnvollen Ansätze selbst kleinmacht. Wir wissen, dass Belohnungssysteme für gute Noten das Gegenteil von Freude am Lernen erreicht. Wir wissen, dass wenig die Qualifikation einer Lehrkraft, die Weiterbildungsbereitschaft, die Schulorganisation, der Lehrplan die Freude am Lernen beeinflussen, sondern ganz oft der Mensch, der Lehrkraft heisst, sich die Namen der Schüler merkt, Intersse zeigt, Regeln setzt und sich kümmert. Braucht man dazu neue Studien? JA, denn viele Länder sind dem Testwahn völlig verfallen und "ranken" in der Schule alles. Da ist Pisa wirklich bescheiden. Und dass nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene viel Spielen müssen, Gründe zum Lachen brauchen, wissen wir auch. Doch, gut, daran erinnert zu werden.
Viel Freude macht man den Menschen hier, wenn man sie grüßt, sich kurz verneigt: Und freuen können die sich sehr. Englisch verstehen ganz offensichtlich nicht so viele Menschen wie man denkt, das hilft Frau Redlichs Hindi Kauderwelsch manchmal gut weiter und bereitet Freude. Aber auch wenn sie Englisch sprechen, es braucht mehr Gewohnheit als in Schottland...
Ready to go? Ja, auch hier vergehen die Tage schnell.
Grüße an alle
Andreas vor dem Abschied von LAVASA
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